Ambivalente Müttergefühle: Darf man sein eigenes Kind nicht immer gern haben?

Leider ist es unter Müttern immer noch ein Tabu, dass die Gefühle dem eigenen Kind gegenüber manchmal (oder auch öfter) sehr ambivalent sein können. Es wäre schön, wenn mehr Frauen offener darüber reden würden. Das könnte ihnen selbst helfen wenn sie merken, dass es anderen genauso geht. Aber auch all denen die denken, nur sie hätten diese Gefühle und Gedanken, und sich dafür schämen und daher noch schlechter fühlen. Ich will versuchen, dieses sehr weitreichende und schwierige Thema ein wenig anzugehen mit dem Ziel, es einigen vielleicht ein wenig leichter zu machen.

 

Zuallererst glaube ich, dass es deswegen ein Tabu ist, weil die Mutterliebe so idealisiert wird. Ich habe auch das Gefühl, dass es in Gesellschaften, in der die Mutter einen besonders hohen Stellenwert innehat, noch schwieriger ist, an diesem Tabu zu kratzen, weil davon ausgegangen wird: Alle Frauen lieben Kinder. Und: Alle Mütter lieben ihre Kinder immer und ausnahmslos. Dabei denke ich zum Beispiel an eine bekannte arabische Geschichte, in der ein Sohn seiner Mutter das Herz aus der Brust schneidet, dann damit stolpert und fällt, worauf das Herz zu ihm spricht: „Hast du dir etwa wehgetan, mein Schatz?“

 

So sind die Erwartungen an Mütterherzen. Also werden die meisten Frauen vorgeben, diese Erwartungen zu erfüllen, und die meisten Kinder (vor allem Männer) vorgeben, ihre Mütter seien immer genau so gewesen. Wir wissen alle vom Verstand her, dass dem nicht so ist. Aber: „Nicht sein kann, was nicht sein darf.“

 

In Wahrheit sind die Gefühle der allermeisten (wenn nicht sogar aller) Frauen sehr viel vielseitiger und nicht immer aufopfernd und positiv. Wahrscheinlich lieben die meisten Frauen ihre Kinder innig, aber dennoch kennen sie auch die andere Seite von Wut, Verzweiflung, Gleichgültigkeit, Eifersucht oder sogar Hass. Sie kennen den inneren Zweispalt, einerseits mit ihren Kindern zusammen sein zu wollen, andererseits ihre Anwesenheit nicht zu ertragen. Oder sie einerseits abgeben zu wollen, aber andererseits nicht loslassen können. Alles für sie tun möchten, aber auch endlich Ruhe haben. Sich mehr um sie kümmern, aber mehr Zeit für sich zu brauchen.  Ängste, Reue, Zweifel, ob es besser gewesen wäre, wenn dieses Kind nicht, oder später, oder mit einem anderen Vater zur Welt gekommen wäre. Selbstvorwürfe, oder Vorwürfe an das Kind, das so vielem im Weg steht, was man gerne tun würde und wegen ihm nicht tun kann. Enttäuschung über sein Aussehen, seine (Un-) Fähigkeiten, sein Benehmen, seine Intelligenz oder sein Geschlecht. Vorlieben unter Geschwistern ...

 

Manchmal sind es nicht einmal die Kinder selbst, die diese Gefühle auslösen, sondern sie sind nur die leicht verfügbare Projektionsfläche. Aber manchmal sind sie es wirklich – und ganz ehrlich wäre es auch völlig absurd zu behaupten, dass Kinder allein aufgrund der Tatsache, dass sie klein, süß oder unser „Fleisch und Blut“ sind, IMMER liebenswert sein sollten.

 

Aber: DARF denn eine Mutter solche Gefühle und Gedanken haben?

 

Sie sind, alleine genommen, schon belastend genug. Hinzu kommt die Scham, diese schrecklichen Gefühle und Gedanken, die man nicht einmal aussprechen möchte, überhaupt erst zu haben.

 

Ohnehin sind Mütter ständig Bergen von schlechtem Gewissen ausgesetzt, dem andauernden Gefühl, so viel falsch gemacht zu haben oder zu machen. „Zeige mir eine Frau ohne schlechtes Gewissen und ich beweise dir: Es ist ein Mann“, sagte eine amerikanische Schriftstellerin einst zu diesem Phänomen. Die Psychologin Harriet Lerner plädiert dafür, Mütter von ihrer „allmächtigen“ Stellung ihren Kindern gegenüber zu erlösen, d.h. der Vorstellung sie (und nur sie allein) sei verantwortlich für alles „gute“ und „schlechte“, das ihrem Kind entwächst. Wahrscheinlich sind es wir Mütter selbst, die diese Vorstellung zuerst durchbrechen müssen.

 

Es ist also normal, dass Gefühle ständig schwanken, in allen Lebensbereichen.  Die Tatsache, dass man diese Zustände nicht mag, zeigt immerhin, dass man sich moralisch gesehen noch auf der richtigen Spur befindet. Dass man sie dennoch hat deutet auf eine emotionale Unausgeglichenheit hin. Das kommt vor. Das Leben besteht nicht nur aus Hochgefühlen. Mütter, die ihren Kindern gegenüber nicht immer nur positiv eingestellt sind, sind deshalb keine  „schlechten“ Mütter. Sondern ein Mensch, der manchmal überfordert, müde, gestresst, traurig, einsam, genervt und hilflos ist. Und Tatsache ist auch, dass manche Mütter einfachere Grundbedingungen haben als andere, z.B. „pflegeleichtere“ Kinder, ein hilfsbereiteres Umfeld, eine (naturgemäß) ausgeglichenere Persönlichkeit oder weniger familiäre, psychische, gesundheitliche oder finanzielle Belastungen.

 

Dennoch hat sicher jede Mutter schon Dinge gedacht und getan, von denen sie selbst schockiert war, und über die sie lieber nicht sprechen würde. Da also jedes Kind diese Erfahrung macht, und die meisten Menschen sich dennoch relativ normal entwickeln, können wir dies auch für unsere eigenen Kinder hoffen. Je mehr wir uns für diese Dinge schämen und verurteilen, desto schlechter fühlen wir uns. Und desto schlechter behandeln wir wahrscheinlich auch die Kinder.

 

Ich sage nicht, dass wir uns nur damit abfinden und gar nichts versuchen sollten, um uns besser zu fühlen. Sondern dass wir aufhören, diese Tatsachen als abnormal abzustempeln. *

 

Was die Gedanken angeht können wir zuerst lernen, diese Ambivalenz als einen Teil unserer vielfältigen Gefühlswelt zu akzeptieren. Hierbei hilft z.B. die Erkenntnis, dass es den allermeisten (wenn nicht allen) Müttern ebenso geht, d.h. man steht mit diesen Gefühlen nicht alleine da. Man kann diese Gewissheit stärken, indem man sich mit anderen (ehrlichen) Müttern austauscht. Dieses Ziel verfolge ich auch mit diesem Text. Männer können oft eher wenig Verständnis aufbringen, besonders dann, wenn sie ihre eigene Mutter sehr stark glorifizieren, wie es in bestimmten Kulturkreisen fast immer der Fall ist. Manche Frauen haben ebenso Schwierigkeiten, wenn sie diesem Bild der „vollkommenen Mutter“ anhängen. Aber auch, wenn sie problematische eigene Kindheitserinnerungen haben, und daher schwer zulassen können, dass auch sie – wider besseren Willen – nicht „alles besser“ machen können. Es ist also nicht immer einfach, Verständnis und Ehrlichkeit zu finden. Aber wir können einen Anfang wagen.

 

Was die Taten angeht bin ich grundsätzlich auch der Meinung, dass hier ebenso ein Stück weit in Kauf genommen werden muss, dass es nicht immer vorbildlich von statten gehen kann. Wenn eine Mutter jedoch befürchtet, ihrem Kind seelisch oder körperlich Schaden zufügen zu können, oder denkt, es schon zu tun, ist es ratsam, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch um ihrer selbst willen. Und auch das ist weder eine Schande noch ein Versagen, sondern ein ebenso häufiger Lebensumstand. Selten ist nur, dass so wenige zugeben, Hilfe zu brauchen. Manchmal hilft es, die Kinder ab und zu abgeben zu können. Manchmal braucht man auch mehr.

 

Zusammenfassend möchte ich nochmal betonen, dass all diese Dinge nicht bedeuten, dass man eine schlechte Mutter ist, oder seine Kinder nicht ausreichend liebt. Mutter zu sein ist wunderschön, und es gibt wirklich einen Platz im Herzen, den nur die Liebe zu den eigenen Kindern berühren kann. Aber oft ist es auch schwer. Richtig, richtig schwer. Einerseits ist es deshalb vielleicht gerechtfertigt, Mütter in gewisser Art und Weise auf einen Sockel zu erheben für all das, was sie leisten. Weil sie, trotz aller Schwierigkeiten, ihre Kinder dennoch lieben wie kein anderer. Aber sie deshalb zu idealisieren ist völlig lebensfremd und schadet den Mutterherzen mehr, als ihnen zu schmeicheln.

 

„Der größte Vorteil, keine Kinder zu haben, muss darin liegen, dass man sich weiterhin einbilden kann, ein netter Mensch zu sein; sobald Sie Kinder haben, wird Ihnen klar, wie Kriege ausbrechen.“ (Fay Weldon)

 

Drückt eure Kinder. Sie sind eure wichtigsten Lehrer, erst danach seid ihr ihre.

 

 

 

 

 

(* Dies rechtfertigt in keinerlei Hinsicht jede Form von Gewalt oder Missbrauch gegen Kinder. Wer diesbezüglich Schwierigkeiten hat, sollte sich dringend Hilfe suchen!)