Religion, Zweifel, Freiheit und: Was bedeutet uns Gott?

Egal ob in privaten Gesprächen oder öffentlichen Diskussionen – „praktizierende“ Muslime machen immer wieder die Erfahrung, dass ihre Glaubenspraktiken in Frage gestellt oder kritisiert werden. (Der Begriff „praktizierender Muslim“ ist an sich eine überflüssige Wiederholung, denn das Wort „Muslim“ impliziert bereits, dass der Mensch sich auch durch seinen Handlungen Gott hingibt).

 

Die Argumentation dahinter ist, dass bestimmte islamische Praktiken anderen Moralvorstellungen oder Idealen im Wege stehen, z.B. die Bekleidungsvorschriften der Freiheit, das Fasten im Ramadan der Gesundheit, oder die Geschlechterrollen der Emanzipation. Erklärungsversuche verlaufen ins Leere laufen. Es ist schwer, wenn nicht sogar unmöglich, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, wenn man sich schon in den Definitionen nicht einig ist. Denn der elementarste Unterschied zwischen Muslimen und allen Anders- und Nichtgläubigen sind nicht die Werte, nicht einmal der Stellenwert von Religion im Alltag, sondern die Definition von Gott.

 

Wir können endlose Argumentationen vortragen, warum das Kopftuch eine Frau nicht unterdrückt. Oder warum Fasten auch im Hochsommer gesundheitliche Vorteile bietet. Warum Männer etwas „dürfen“ und Frauen nicht. Warum wir auch an Schulen oder Arbeitsplätzen, und nicht nur zu Hause, beten wollen. Aber darum geht es nicht. Denn der Elefant im Raum ist ein anderer: Warum ist das euch überhaupt so wichtig? Warum könnt ihr keine Ausnahmen machen? Warum soll Gott solche Dinge verlangen, wo Er sie doch nicht braucht, und sie der modernen, selbstbestimmten  Lebensweise im Weg stehen?

 

 

 

Natürlich braucht Gott uns und unsere Taten nicht. Dennoch sind sie nicht überflüssig. Denn obwohl wir sie um Gottes Willen tun, tun wir sie nicht *für* Ihn in dem Sinne, dass Er daraus einen Vorteil ziehen könnte, sondern der Vorteil darin ist für uns selbst. Wenn man davon überzeugt ist, dass Gott uns erschaffen hat, uns kennt und versteht, wie wir uns selbst niemals kennen und verstehen können, und nur das Beste für uns beabsichtigt, wird die Frage nach dem Sinn Seiner Gebote und Verbote zweitrangig. Denn wir sind grundsätzlich überzeugt davon, dass der Sinn vorhanden ist. Dies ist Teil des Glaubens an Gottes Perfektion. Und ja, man kann dies als „blinden Gehorsam“ bezeichnen. Weil es auf blindem Vertrauen beruht. Dieses Vertrauen setzt kein Verstehen voraus. Es schließt Verstehen zwar nicht aus, macht es aber nicht zur Ausgangsbedingung.

 

 

 

Diejenigen, die das Verstehen von Gottes Entscheidungen, also die menschliche Logik, zur Voraussetzung für die Umsetzung von religiösen Geboten machen, vertreten ein völlig anderes Gottesverständnis. Sie sehen Gott als eine Art übergeordnetes „Wesen“ oder „Vater“ (wenn sie Ihn nicht komplett ablehnen): weise, aber nicht unfehlbar.  Dieses Gottesbild findet sich auch im Alten und Neuen Testament. Es bringt Christen dazu, Gott als „Vater“ zu bezeichnen (der, in der Konsequenz, auch Kinder zeugt). Juden, ihren Stammesvater Jakob „Israel“ zu nennen, was bedeuten soll: „der mit Gott kämpft“ (und gegen ihn gewinnt). Es motiviert Atheisten oder Agnostiker, Gott abzulehnen, weil Er nicht gebraucht wird. Und „progressive“ Muslime dazu, göttliche Gebote auf eine „zeitgemäße“ Art und Weise neu zu interpretieren, oder gar abzulehnen. 

 

 

 

In diesem Verständnis ist es nachvollziehbar, dass man hinterfragt, interpretiert, anpasst und variiert. Denn das Verhältnis zu Gott wird ähnlich dem Verhältnis zu den Eltern oder zu einem Mentor: man liebt, man respektiert, man ist offen, man will lernen, aber man denkt auch, dass man als mündiger Erwachsener grundsätzlich nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, einige Ansichten abzulehnen oder zu modernisieren.

 

 

 

Für uns Muslime ist Gott weder Vater noch Lehrer. Er ist diesen Rollen nicht einmal ähnlich. Gott ist der Einzig Eine, der Überlegene. Niemand ist Ihm jemals gleich. Er irrt sich niemals. Sein Urteil ist immer besser als unseres. Er muss keine Rechenschaft für Seine Entscheidungen ablegen, nur wir für unsere. Sein Wissen und Seine Barmherzigkeit mit Seiner Schöpfung stehen für uns außer Frage.

 

 

 

Den Islam als Religion zu verstehen heißt, Gottes Eigenschaften zu verstehen. Die Religionsausübung ist uns so wichtig, weil Gott uns so wichtig ist. Unsere Liebe für Ihn ist absolut, so auch unsere Hingabe zu Ihm, weil Seine Herrschaft absolut ist. Dennoch ist diese Liebe kein Hindernis für zwischenmenschliche Beziehungen, sondern, auch hier, ihre Grundlage: Unser Humanismus, unsere Moral, unsere Ethik, unsere Werte sind „um Gottes Willen“.  Wir glauben, dass Liebe aktiv ist: Sie manifestiert sich in unseren Taten. Daher interessiert es uns auch nicht, inwieweit man verschiedene Gebote „neu auslegen“ oder gar abschaffen kann, denn wir suchen nach Türen, nicht nach Schlupflöchern.

 

 

 

Niemand kann verstehen, welche Bedeutung ein „Stück Stoff“, ein Gebet, ein Bart, Essensvorschriften, Geschlechtertrennung, Gebote und Verbote, Empfehlungen und Ablehnungen für einen Menschen einnehmen kann, solange er nicht versteht, wer Gott für uns ist. Er ist präsent in allen Aspekten unseres Lebens, weil Er der Ursprung und das Ziel von allem ist. Zu handeln ohne Ihm zu dienen ist daher unmöglich. An der Weisheit seiner Gesetze zu zweifeln ist ein Zweifel an Seiner Weisheit. Seine Offenbarung in Frage zu stellen stellt Seine Existenz in Frage.

 

 

 

Wenn man in der Lage ist, bewusst in völligem Vertrauen auf Gott zu leben, ist man befreit von den Fesseln, die das Leben uns anlegt. Es spielt für mich als Frau daher keine große Rolle, ob meine Art und Weise, mich zu kleiden, ein patriarchalisches Rollenbild unterstützt, denn die Absicht meines Handelns basiert nicht auf dessen Interpretation durch Männer. Es ist mir nicht wichtig, ob die gesundheitlichen Vorteile des Fastens wissenschaftlich nachweisbar sind, weil ich WEIß, dass es vorteilhaft ist, sonst würde Gott es nicht verlangen. Es tut mir leid, dass für manche Menschen das islamische Gebet befremdlich ist und sie es nicht sehen möchten, aber ich bete für unseren Schöpfer, und wer Ihn nicht versteht, kann meine Taten um Seinetwillen ihm nicht verstehen.

 

 

 

Ich kann nicht unterdrücken, nur weil andere nicht verstehen.

 

 

 

Ein Herz, das Freiheit erfahren hat, lässt sich nie wieder einsperren.

 

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