Binationale Ehen

Eine Frage, die ich oft höre: „ Gibt es in binationalen Ehen mehr Probleme?“

 

 

 

Ich denke, es gibt keine alleinige Wahrheit für diese Frage, und die kurze Antwort wäre wohl: Ja und Nein.

 

Ja, weil jeder Unterschied, der zwischen zwei Menschen existiert, potentielle Schwierigkeiten mit sich bringen kann (nicht muss!), und die Unterschiede zwischen zwei Menschen aus unterschiedlichen Kulturen größer sein können (nicht müssen). Es gibt inzwischen auch Studien, die belegen, was der gesunde Menschenverstand schon wusste: Je ähnlicher Paare sich sind, desto stabiler ist eine Ehe auf lange Sicht hin.

 

 

 

Dennoch sind die „Themen“ für Beziehungsprobleme in den meisten Ehen sehr ähnlich, auch wenn sich die konkreten Probleme unterscheiden: Wieviel Nähe soll es innerhalb der Beziehung geben? Wie wird die Freizeit gestaltet? Wer übernimmt welche Verantwortungen? Wer hat wieviel Macht? Welche Rolle spielt die erweiterte Familie? Und so weiter.

 

 

 

Wenn für ein Paar dann beispielsweise die Religion eine große Rolle spielt, werden auch die Konflikte eher unter religiösen Gesichtspunkten behandelt („es wäre seine Pflicht…“, „sie hat nicht das Recht…“). Es ist daher interessant, dass selbst Paare mit den gleichen religiösen Auffassungen nicht unbedingt weniger Schwierigkeiten haben. Diese Erkenntnis kann man auch auf „kulturelle Unterschiede“ übertragen. Natürlich gibt es unterschiedliche Sichtweisen in Bezug auf viele Punkte –  von Pünktlichkeit über Kindererziehung bis hin zu Geschlechterrollen. Aber angesichts der Tatsache, dass Konflikte in *jeder* Ehe vorkommen, ist meiner Meinung nach ein anderer Aspekt viel wichtiger für den langfristigen Erfolg einer Ehe: die grundsätzliche Einstellung, dass die Beziehung wichtiger ist als das Problem. Oder, um es auf den Islam zu beziehen: Eine Ehe sollte vor allem auf Taqwa (Gottesfurcht) basieren, nicht auf Fatwa (Rechtsgutachten).

 

 

 

Dies ist schwer umzusetzen, denn es bedeutet auch, dass die Bereitschaft vorhanden sein muss, auf sein „Recht“ zugunsten der Beziehung zu verzichten. Die Lösung für Beziehungsprobleme findet sich nach dieser Auffassung nicht durch die Frage, wer Recht und wer Unrecht hat, sondern wie man es schaffen kann, die Zufriedenheit beider Parteien zu erreichen – und ultimativ die Zufriedenheit Allahs mit unserem Verhalten.

 

 

 

Die gute Nachricht jedoch ist, dass man damit viele Auseinandersetzungen lösen oder zumindest entschärfen kann, ohne das Problem an sich zu lösen, nämlich indem man an der Einstellung und Interaktion arbeitet.  

 

 

 

Beziehungsarbeit beginnt mit der Arbeit am eigenen Charakter.

 

 

 

Und hier sind wir wieder bei der Ausgangsfrage: Es gibt in binationalen Ehen ein Mehr an unterschiedlichen Auffassungen. Wenn das Paar aus zwei Partnern besteht, deren Problemlösung sich hauptsächlich um die Klärung der Frage nach „richtig und falsch“ dreht (was die Mehrheit der Menschen tut), dann hat dieses Paar zahlenmäßig mehr Probleme als ein Paar mit weniger unterschiedlichen Auffassungen.

 

 

 

Wenn jedoch zwei Menschen aufeinander treffen, denen ihre Beziehung und die Zufriedenheit Allahs wichtiger ist als ihr Ego, dann ist die Anzahl der Unterschiede nicht gleichbedeutend mit der Anzahl der Probleme.

 

 

 

Und wer jetzt immer noch denkt, diese Einstellung sei in seiner Ehe nicht zu umzusetzen, weil „der andere“ diese Bereitschaft nicht mit sich bringt, der hat die Botschaft dieses Textes nicht verstanden, und sollte ihn noch einmal mit offenem Herzen lesen.

 

 

 

Möge Allah euch mit glücklichen Ehen segnen.

 

 

 

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