Mediennutzung - Manifest einer Frustrierten

Meine Kinder hatten Besuch, auf den sie sich sehr gefreut hatten. Leider war nicht viel mit Spielen, da der Besuch fast die gesamte Zeit mit ihren jeweiligen Handys beschäftigt war.

 

Jeden Tag ist mein newsfeed voll von FB Posts, die manchmal wirklich die Grenze des Privaten weit überschreiten.

 

Warum macht man seinem Mann eine Liebeserklärung, die jeder (oder die „300 engsten Freunde“) lesen können? Warum erlaubt man seinem Kind, Fotos von sich online zu stellen oder postet die Bilder sogar selbst? Warum fotografiert man sein Essen oder schreibt, was man so macht, wo man ist und wohin man geht (wenn es wenigstens etwas Besonderes wäre…)? Warum veröffentlicht man private Bilder, oder „süße Profilfotos“? Warum schreibt man seinem Kindergartenkind Grüße in sozialen Medien („ich bin so stolz auf dich, mein Schatz“ usw.)? Ich meine, was ist die ABSICHT dahinter?

Soziale Medien machen süchtig. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass man beginnt, sein Leben danach zu beurteilen, ob ein Ereignis teilenswert ist, oder nicht. Man genießt den Moment nicht, sondern startet seine Vermarktung. Und selbst dann, wenn man es schafft, dem Drang es zu teilen zu widerstehen, hat man dennoch intensiv darüber nachgedacht, und sich allein deshalb die „Magie des Augenblicks“ genommen. Gehirnforscher haben übrigens nachgewiesen, dass beim Anblick von Nachrichten, „likes“ oder Kommentaren die gleichen Hirnareale („Belohungssytem“) aktiviert werden wie bei der Einnahme von Drogen.

Something to think about…

 

Langfristig erhöht die intensive Nutzung von sozialen Netzwerken die Gefahr, einsam, depressiv und unsozial zu werden. Hinzu kommen die negativen Effekte von Bildschirmnutzung allgemein, z.B. Schlafstörungen durch das künstliche Licht und die Anregung des Gehirns.

Aus islamischer Sicht entfernt es uns definitiv von Allah. Ja, ich weiß, man lernt dort auch über den Islam und macht Dawa und so weiter. Aber welchen Anteil nimmt dies prozentual ein? Und wieviel ist pure Zeitverschwendung oder gar Sünde?

 

Ist es angemessen, private Angelegenheiten zu teilen?

 

Und ist es angemessen, seine Nase in das Leben von anderen zu stecken (selbst dann, wenn diese es freiwillig preisgeben)?

Die Mediennutzung bringt daher auch das Problem von Neid und Missgunst mit sich: man erfährt es, und fügt es anderen zu. Wenn du gerade die Highlights deiner Ehe öffentlich machst, hast du schon einmal daran gedacht, dass einer deiner Freunde gerade in einer tiefen Ehekrise steckt? Hast du dir überlegt, dass dein „Juhu, ich bin schwanger“ oder die süßen Babyfotos auf eine Frau treffen könnten, die gerade eine Fehlgeburt hinter sich hat, oder gar nicht schwanger werden kann? Weißt du, dass einige von deinen Freunden es sich seit Jahren nicht leisten können, auswärts essen zu gehen oder „Shoppingausflüge“ zu machen?

 

Im direkten Umgang miteinander wüssten wir solche Dinge und könnten einfühlsamer unsere „Highlights“ verbreiten. Durch die digitale Verbindung verbreiten sich unsere Meldungen ungefiltert bis hin zu denen, die sie besser nicht zu sehen bekommen sollten. Aber das nehmen wir in Kauf. Denn auch wir selbst müssen ja irgendwie damit zurechtkommen, dass unsere Realität tagtäglich gegen die Highlights der anderen konkurrieren muss. Unser Inneres gegen ihr Äußeres.

 

 

Was könnte anders sein?

 

Einige konkrete Ideen, die theoretisch leicht umzusetzen sind. Wenn es uns praktisch schwerfällt, dann zeigt dies ein Problem, das wir haben. Wenn uns egal ist, dass dieses Problem besteht, ist es ein *großes* Problem!

 

I) Säubere deinen FB Account.

 

1) Gehe durch deine Postings der letzten Monate oder Wochen und lösche alles, was islamisch unangemessen ist, oder wo du dir über deine dahinter steckende Absicht unsicher bist (Warum hast du das gepostet? Sei ehrlich.). Lösche auch alles, was du weiter verbreitet hast, ohne dir sicher zu sein, ob es wirklich korrekt ist, was dort behauptet wird (auch islamische „Weisheiten“). Der Sinn dahinter ist erstens eine Reflektion deines Verhaltens. Aber auch, um dich davor zu schützen, dass mögliche Sünden von dir auch nach deinem Tod weiter fortbestehen.

 

Nimm dir vor, in Zukunft reflektierter zu posten.

2) Lösche unangemessene FB Freunde. Lösche oder verberge die Posts von Freunden, die unangemessene Dinge posten.

 

3) Verlasse Gruppen, in denen unangemessene Inhalte verbreitet werden, oder in denen du nur deshalb bist, um dich von den sinnlosen Diskussionen unterhalten zu lassen. Warum bist du in den Gruppen, in denen du bist? Sei ehrlich.

 

4) „Gefällt mir nicht mehr“ auch für FB Seiten, die o.g. Kriterien erfüllen.

 

5) Halte dich mit Kommentaren zurück, wenn du dir über deine Absicht nicht sicher bist ODER WENN DU KEIN WISSEN ÜBER DAS THEMA HAST.

6) Kein „Gefällt mir“ mehr für unangemessene Fotos oder Posts, auch nicht aus Höflichkeit.

 

7) Verschicke nicht willkürlich Freundschaftsanfragen und nehme sie nicht an.

 

Wenn du jemanden in deine Freundesliste aufnehmen willst, den du nicht kennst, dann schreibe eine Nachricht dazu, warum. Wenn du dir dabei komisch vorkommst, oder nicht weißt, was du schreiben sollst, solltest du die Freundschaftsanfrage nicht senden.

 

8) Verhalte dich überhaupt auch im Netz so, wie du es im wahren Leben tun würdest. Was du "in echt" nicht sagen (oder tun) würdest, das schreibe/tue auch nicht online.

 

II) Übung: Mache einen schönen Ausflug und lasse dein Handy zu Hause – um dich währenddessen nicht ablenken zu lassen, und um keine Fotos davon zu haben. Keine Angst, du wirst dich trotzdem erinnern. Schreibe auch später nicht darüber. Behalte es einfach nur für dich. Wie schwer fällt dir das?

III) Rufe deine Kontakte, denen du normalerweise nur Nachrichten schreibst, mal wieder an. Oder besuche sie wenn möglich.

 

IV) Telefoniere mit deinen Eltern. Oder besuche sie wenn möglich.

 

V) Lege medienfreie Zeiten in der Familie fest (Essenszeiten, nach dem Aufwachen…). Schaut euch an, wenn ihr miteinander redet. JEDES MAL. Schaut euch an, wenn ihr euch begrüßt, und redet mindestens ein paar Sätze miteinander. Legt dazu die Technik aus der Hand. Nicht nur den Blick davon abwenden. Weglegen.

 

VI) Sag deinem Mann, dass du ihn liebst und glücklich mit ihm bist INS GESICHT und unter vier Augen. Das gleiche gilt für alle anderen Menschen in deinem Herzen (Geschwister, Freunde, Kinder…). Auch, wenn du dich ärgerst: Sag es persönlich, oder gar nicht.

 

VII) Last but not least: Stärke deine Beziehung zum Qur’an. Du kannst nicht ohne Technik, weil du dich selber davon abhängig gemacht hast durch dein Verhalten. Das gleiche wird mit allem anderen passieren, mit dem du so viel Zeit verbringst. Du musst es nur tun.

 

 

P.S.: Wenn du dich beim Lesen über MICH geärgert hast, den Text überheblich findest oder darüber nachdenkst, was andere für unangemessene Dinge posten, dann wisse, dass dich dein Ego überwältigt und gerade von dem ablenkt, um das es eigentlich geht.