Vergib Mir

Die Tage habe ich mir einige Gedanken zum Thema Vergebung gemacht, von denen ich gerne einige mit euch teilen möchte. Dabei geht es vor allem um Vergebung im zwischenmenschlichen Bereich, auch wenn wir natürlich auch da die Beziehung zu Allah (swt) nicht außen vor lassen können. Daher beginne ich dieses wichtige Thema mit einer Erinnerung, worum es in unserem Leben eigentlich geht:

 

 

 

(Er,) Der den Tod und das Leben erschaffen hat, damit Er euch prüfe, wer von euch die besten Taten begeht. Und Er ist der Allmächtige und Allvergebende. (67:2)

 

Jeder Tag, jede Sekunde, jeder Atemzug, kann uns entweder schädlich oder nützlich sein, unserem Ziel näher zu kommen. Für mich gehören Beziehungen zu den größten Prüfungen des Alltags. Da wir alle Menschen und daher fehlerhaft und sündig sind, erfahren wir ständig Ungerechtigkeiten und Schmerzen durch andere, oder wir fügen sie zu. Unsere Fähigkeit, innige und langfristige Beziehungen zu führen, hängt daher eng mit der Fähigkeit zusammen, zu vergeben und um Vergebung bitten zu können. Und das ist so unendlich schwer, weil es mit zwei Faktoren zusammenhängt, an denen sich unser Nafs (Ego) besonders stark klammert: Erwartungen und Stolz.

 

Vergebung im zwischenmenschlichen Bereich bedeutet für mich, den Schmerz, der mit der Enttäuschung und Ungerechtigkeit verbunden ist, loszulassen. Dabei hat die Entscheidung zu vergeben nur sehr wenig mit anderen und sehr viel mit uns selbst und Allah zu tun.

 

Es ist schwer, jemandem zu vergeben, der einem tiefe Wunden zugefügt hat. Es ist noch schwerer, wenn dieser Mensch nicht einmal Reue für sein Verhalten zeigt. Mit Sicherheit wäre es einfacher, wenn der andere bereut, aber dies ist nicht essentiell. Denn die Frage, die wir uns stellen müssen, ist, wie wir in Zukunft damit umgehen möchten, was geschehen ist. Es liegt nicht in unserer Hand, was wir erhalten. Aber es liegt an uns, was wir daraus machen. Vergebung bedeutet für mich nicht, dass man ein Verhalten entschuldigen oder rechtfertigen soll. Sondern Vergebung ist für mich eine Aussöhnung mit dem, was war. Ich akzeptiere, DASS es geschehen ist. Ich nehme es so an, wie es tatsächlich war, und lasse damit meine Erwartung, wie ich gerne gehabt hätte, los. Das bedeutet nicht, dass meine Erwartungen nicht gerechtfertigt gewesen wären. Sondern dass ich akzeptiere, dass meine Erwartungen nicht erfüllt wurden, und niemals erfüllt werden können, da Vergangenheit vergangen ist.

 

Das ist für mich die tiefe Einsicht, die einer Vergebung zugrunde liegen muss. Und genau deshalb hat es viel mehr mit Allah und unserem Glauben an Ihn zu tun, als mit den betroffenen Personen. Denn um was es eigentlich geht, ist eine vollständige Annahme der Vorherbestimmung Allahs, und eine Hingabe an Seine Entscheidungen und an Sein Wissen. Die Akzeptanz, dass es nicht anders hätte sein können, als es war. Und dass darin eine Weisheit steckt, die auch dann vorhanden ist, wenn wir sie nicht verstehen können.

 

Das ist die Basis, die wir uns aufbauen müssen, und erst wenn diese Basis sich fest in uns verankert hat, können wir weitere Schritte gehen. Von dieser Basis aus können wir entscheiden, ob wir Gerechtigkeit im Diesseits anstreben, Grenzen oder Konsequenzen ziehen, gehen oder bleiben oder eine Entschuldigung oder Aussprache verlangen möchten. Aber die innere Akzeptanz und Ruhe im Herzen ist nicht mehr von diesen Faktoren abhängig. Der Schmerz dauert an, solange das Klammern an verletzte Erwartungen andauert.

 

Warum spielt es unter diesen Gesichtspunkten dann eine so wichtige Rolle, dass wir für unser eigenes Fehlverhalten um Vergebung bitten? Es ist wichtig, dass wir Verantwortung für unser Verhalten übernehmen. In vollem Umfang. Auch, wenn die Übertretungen anderer im Vergleich zu unseren dramatischer und schädlicher waren, stehen wir für unseren eigenen Teil ein. Weil es – wieder –  vor allem um uns und unser Verhältnis zu Allah geht. Unser Verhalten sollte von unserer Beziehung zu Allah geprägt sein, nicht von der Beziehung zu anderen. Daher sind Seine Standards und Erwartungen für uns wegweisend, nicht die von anderen. Manche Menschen machen es einem leicht, diesen Schritt zu gehen. Ihre Türen sind offen, ihre Vergebung leicht erhältlich. Andere machen es uns schwerer, möchten Entschuldigungen nicht hören oder annehmen. Es kann sich anfühlen wie eine tiefe Erniedrigung, vor solchen Menschen seine Fehler einzugestehen. Sie sehen in diesem Schritt eine Schwäche anstatt eine Stärke. Daher schrecken wir oft davor zurück. Aber ich denke, man sollte es trotzdem tun. Weil es der ultimative Beweis der Aufrichtigkeit sein kann, etwas zu tun, obwohl man vermutet, dadurch sein Nafs (Ego) zu schmerzen. Ein verletztes und erniedrigtes Ego sucht verzweifelt nach Zuwendung und Verständnis. Wenn es das bei den Menschen nicht finden kann, ist es offen für einen Trost, der sogar seinem Schmerz und seinen tiefsten Wunden einen höheren Sinn verleiht.

 

Und es versteht endlich den elementaren Unterschied zwischen einem Resultat und einer Absicht.

 

„Oh Allah. Ich bin gebrochen. Ich bin verletzt. Ich wurde hintergangen. Ich wurde vergessen. Ich nehme an, was du für mich bestimmt hast. Und ich suche Vergebung für das, was ich selbst begangen habe.

Meine Vergebung ist um Deinetwillen. Meine Reue ist um Deinetwillen. Niemals habe ich eine Tat um Deinetwillen verrichtet, und dies bereut.“