Weihnachtliche Gefühle

Die Weihnachtszeit ist für konvertierte Muslime oft eine besondere Herausforderung, weil sie viele innere und äußere Konflikte mit sich bringen kann. Zum Beispiel der Umgang mit Veranstaltungen in Schule, Arbeit oder im Familienkreis: Was antwortet man auf Glückwünsche oder Geschenke, gratuliert oder schenkt man? Ignoriert oder umgeht man? Macht man Kompromisse oder passt man sich an? Wie erklärt man sich der Familie, wie geht man mit deren Reaktionen um? Wie handhabt man es mit den eigenen Kindern?

 

Die meisten sind daher erleichtert, wenn mit dem Januar erst einmal alle äußeren Kontroversen vom Tisch sind. Dabei ist vielleicht der schwierigste Konflikt einer, der nicht so offensichtlich - vielleicht nicht einmal aussprechbar ist: Was macht man, wenn man selbst starke Gefühle in dieser Zeit empfindet? Wenn die Erinnerungen an früher und die Sehnsucht nach Vergangenem das Herz schwer machen?

 

Manche lösen das, indem sie versuchen, diese Gefühle zu ignorieren, nach dem Motto: Nicht sein kann was nicht sein darf. Vielleicht haben sie sogar ein schlechtes Gewissen deswegen und zweifeln an der Stärke ihres Glaubens.

 

Andere versuchen, Kompromisse einzugehen, die in den meisten Fällen in Bezug auf die Religion zumindest zweifelhaft sind. Hier wird das schlechte Gewissen verdrängt und sich eingeredet, es sei in Ordnung und keine große Sache, schließlich verfolge man damit eine „gute Absicht“.

 

Beide Wege sind aus ähnlichen Gründen problematisch, und die mögliche Lösung liegt wie fast immer in der Mitte. Gefühle zu ignorieren löscht sie nicht aus. Ihnen nachzugeben ist jedoch nicht immer weise. Unsere Ausgangsfrage sollte deshalb lauten: Was macht Allah zufrieden mit mir? Danach richten wir unser Handeln aus, und arbeiten mit den daraus entstehenden Gefühlen.

 

Den meisten ist klar, dass die Teilnahme an Weihnachten oder Nachahmung der Bräuche für Muslime nicht akzeptabel ist, die Beweise dafür sind an anderen Stellen zu finden. Es ist nicht unser Fest, es sind nicht unsere Traditionen, es widerspricht unseren Glaubensfundamenten, denn es ist das Fest, an dem die „Geburt des Sohn Gottes“ gefeiert wird. 

 

Aber selbst, wenn wir dieser Tatsache ohne Zweifel zustimmen können, kann es dennoch sein, dass wir eine innere Sehnsucht verspüren: Die Lichter, das Essen, das Zusammensein, die Gerüche, die Dekorationen. Man mag hier anderer Meinung sein als ich, aber ich denke, es ist grundsätzlich nicht tadelnswert, manchmal auch Erinnerungen der Vergangenheit nachzuhängen oder traurig zu sein, dass wir sie nicht mehr haben – auch wenn dies freiwillig und aus Überzeugung geschehen ist. Unsere Gefühle sind nicht immer in unserer Kontrolle, und das erwartet Allah das auch nicht. Allah sagt sinngemäß:

 

„…Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist, und vielleicht ist euch etwas lieb, während es schlecht für euch ist. Allah weiß, ihr aber wisst nicht.“ (2:216)

 

Für mich ist die Tatsache, dass jemand kein Weihnachten feiert, obwohl er es (in Teilen) vermisst, ein Ausdruck von Stärke im Glauben, denn er erhebt damit den Willen Allahs über die eigenen Wünsche und Sehnsüchte. Das ist die Essenz von Hingabe und Gehorsam. Dies gilt für alle Bereiche des Lebens. Etwas zu unterlassen, obwohl man es gerne tun würde, oder etwas zu tun, obwohl man „keine Lust“ dazu hat, ist der Kampf gegen das Ego und der Weg zur Läuterung der Seele.

 

Wie kann man also mit den Gefühlen auf eine gesunde Art und Weise umgehen? Zunächst einmal erkennt man die Tatsache an, dass sie vorhanden sind. Und dass dies in Ordnung ist, solange man nicht danach handelt. Man „darf“ traurig sein über das, was nicht ist oder einmal war. Unsere Gefühle sind Teil unserer Prüfung, und wie bei allen Prüfungen spielt unsere Reaktion darauf die ausschlaggebende Rolle. Wenn Prüfungen uns dazu bringen, uns Allah zu nähern, waren sie erfolgreich für uns. Wenn wir beginnen, aufgrund unserer Gefühle an unserem Glauben zu zweifeln, oder aus Scham darüber so tun, als wären sie nicht vorhanden, dann verlieren wir im besten Fall eine Chance, unser Verbundenheit mit Allah zu stärken. Im schlechtesten Fall führt es dazu, dass wir tatsächlich in eine Glaubenskrise stürzen.

 

Allah weiß schon, was in unseren Herzen ist. Wir können es zwar vor uns selbst verleugnen, aber niemals vor Ihm. Wem also wollen wir etwas vormachen?

 

Sicherlich, sie krümmen ihre Brüste zusammen, um sich vor Ihm zu verbergen. Sicherlich, wenn sie sich (auch) mit ihren Gewändern überdecken, Er weiß doch, was sie geheimhalten und was sie offenlegen. Gewiss, Er weiß über das Innerste der Brüste Bescheid. (11:5)

 

Wie also können wir solche ungeliebten Gefühle nutzen, um uns Allah zu nähern?

 

Zum Beispiel, indem wir dankbar sind. Dankbar für Seine Rechtleitung und unsere Erkenntnisse und Einsichten. Aber auch dafür, was wir davor an positiven Erfahrungen sammeln durften.

 

Aber vor allem können wir sie als Mittel der Hinwendung nutzen.

 

Wir können uns an Allah wenden mit all unseren Gefühlen, Gedanken und sogar Zweifeln. Wir können Ihm unsere Traurigkeit vortragen und Ihn um Seine Leitung, innere Ruhe und Zufriedenheit mit Seinem Urteil bitten. Wir können uns erinnern, dass Er mit uns ist, besonders in unseren schweren Momenten, und dass sich wahre Stärke im Glauben darin zeigt, nicht zu versuchen, etwas alleine zu bewältigen, sondern nur durch die Hilfe Allah.
 

Solche Momente sind auch ein guter Zeitpunkt für intensive Bittgebete. Wir können Allah vortragen, was wir um Seinetwillen hinter uns lassen, und Ihn darum um Seinen Lohn bitten – ähnlich wie die drei Männer in der Höhle, die Allah baten:

 

Oh Allah! Wenn ich dies tat, nur um Dein Wohlgefallen zu erlangen, dann erleichtere uns und nimm von uns unsere Last!” (überliefert bei al-Buẖārī und Muslim)

 

In dieser Erkenntnis liegt auch die Antwort, warum es keine gute Lösung sein kann, diesbezüglich Kompromisse in der Religion zu machen – entweder für sich selbst oder für die Kinder. Die Frage, die wir uns stellen sollten ist nicht, inwieweit Allah „barmherzig und verzeihend“ oder „nachsichtig“ mit unserem Verhalten ist. Seine Eigenschaften stehen außer Frage. Aber was ist mit unseren?

 

Nutzen wir unser Leben, um uns damit Allah zu nähern, oder tun wir das nicht?

 

Jeder einzelne Tag unseres Lebens, jede Stunde, jeder Atemzug dient allein der Beantwortung dieser Frage. Die Tatsache, dass wir erschaffen wurden dient dieser Frage. Dass wir noch leben dient dieser Frage. Was machen wir also aus dem, was uns an Möglichkeiten zur Verfügung steht? Wie entscheiden wir uns, wenn Sehnsüchte auf Gebote treffen und sich zunächst einmal nicht vereinbaren lassen?

 

Das Richtige zu tun ist nicht immer auch das Leichteste. Aber der wahre innere Frieden kommt nur dadurch zustande.

 

Abschließend möchte ich auch betonen, dass es weder notwendig noch lobenswert ist, harsch und abweisend zu denjenigen zu sein, die nicht unserer Meinung folgen. Es gibt im Rahmen des Erlaubten viele Möglichkeiten, Zuneigung und Respekt besonders gegenüber Familienangehörigen zum Ausdruck zu bringen. Manchmal muss das ein wenig ausbalanciert werden. Manchmal versucht man sein Bestes, aber trifft dennoch auf Unverständnis. Möge Allah uns auch in diesen Fragen leiten und uns Weisheit und Geduld schenken.

 

(Das alles gilt nicht nur für Weihnachten, sondern für alle inneren Konflikte und Gefühle).