Konzentrationsprobleme? Die Ursache liegt oft in unserem Verhalten

Konzentrationsprobleme gehören zu einer Epidemie unserer Zeit. Besonders schmerzhaft zeigt sich das im Gebet, aber auch in anderen Situationen des Alltags. Dafür ist nicht unbedingt nur ein Mangel an Gottesfurcht verantwortlich, sondern auch unser Verhalten und unsere Angewohnheiten.

 

Ich bin zum Beispiel überzeugt davon, dass es bei der Nutzung von smartphones und Internet einen versteckten, kaum beachteten Nachteil gibt, der möglicherweise sogar problematischer ist, als die Summe der Zeit, die man damit verbringt, und zwar die Häufigkeit und Art der Nutzung.

Sehr oft werden die verschiedenen Apps und Seiten nur für einen relativ kurzen Moment aufgerufen (zum Nachsehen, ob es etwas Neues gibt). Selbst, wenn man ein wenig dort verweilt, wandert die Aufmerksamkeit im Sekundentakt von einer Sache zur nächsten. Man scrollt, liest etwas an, scrollt weiter, öffnet einen Link, noch einen, ein Video, dazwischen ein paar Bilder, einen Artikel. Die Themen wechseln bunt und wild durcheinander – eine witzige Katze gefolgt von einer trauernden Mutter, einer religiösen Ermahnung, ein neues Profilbild eines Freundes, ein Spendenaufruf. Wir beschäftigen uns mit nichts wirklich lange und intensiv, wir tauchen in nichts wirklich ein. Es sind Sekundenbruchteile, die aufeinander folgen. Ständig. Manchmal machen wir sogar noch andere Dinge neben her (z.B. Fernsehen, Qur’anhören), es gibt verschiedene Geräuschquellen. Wir „unterhalten“ uns sogar und „lesen“ nebenher.

 

Andauernd unterbrechen wir Tätigkeiten, um „schnell“ etwas anderes zu machen. Selten bleiben wir gedanklich über einen längeren Zeitraum nur bei einer einzigen Sache.

Das wiederholt sich, Tag für Tag.

 

Dadurch trainieren wir unserem Gehirn an, in der Aufmerksamkeit ständig hin-und her zu springen, nichts wirklich zu fixieren, nichts lange und intensiv zu verarbeiten. Wir trainieren uns damit buchstäblich die Fähigkeit zur Konzentration, zur Vertiefung, zur Reflektion, zur Besinnlichkeit, zum „Eintauchen“ in eine Sache ab. Das merken wir dann in jedem Aspekt unseres Lebens: Wir werden zunehmend ungeduldig (weil wir im echten Leben nicht wegscrollen und vorspulen können), haben eine geringe Frustrationstoleranz (weil wir andauernd überstimuliert sind, und mit den Gedanken selten bei der Sache, die wir gerade tun), wir haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne (darauf ist unser Gehirn durch unser Verhalten trainiert), was wiederum die Lernfähigkeit beeinflusst, die Merkfähigkeit ist beeinträchtigt, genauso wie die Demut im Gebet.

 

Wir sollten also nicht nur darauf achten, wie lange wir mit einer Ablenkung verbringen, sondern auch wie häufig. Wie oft unterbrechen wir eine Tätigkeit, um uns „schnell“ einer anderen zu widmen? Wie oft machen wir alles Mögliche gleichzeitig – und sind doch nirgendwo richtig konzentriert dabei? Wie oft fühlen wir uns gestresst und innerlich aufgewühlt?

 

Das Gebet wäre eine wunderbare Möglichkeit, dieses Durcheinander im Kopf zu ordnen, zur Ruhe zu kommen, und seinen Fokus neu zu justieren. Aber dazu müssten wir bereit sein, uns darauf einzustellen, und das Gebet nicht wie einen weiteren Punkt auf unserer überladenen To do Liste behandeln, der möglichst schnell abgehakt werden muss, damit man sich dem nächsten widmen kann. Ein paar Sekunden reichen aus, um sich bewusst zu fokussieren. Um sich klarzumachen, was man eigentlich gerade tut – und warum. Pausieren zwischen den Bewegungen. Über den Inhalt des Gesagten nachdenken. Bittgebete, die eine persönliche Bedeutung haben, und nicht nur Phrasen sind, die wir immer wieder wiederholen, ohne sie zu fühlen.

 

Es hilft auch, sich im Tagesablauf gedanklich immer wieder zu der Tätigkeit zu holen, bei der man gerade ist, und die Gedanken nicht abschweifen zu lassen. Auch in alltäglichen Verrichtungen, wie Abwaschen, Zähneputzen oder Essen. Man kann dies unterstützen, indem man sich bewusst konzentriert und sich beispielsweise fragt: Wie fühlt sich mein Körper dabei an? Welche Absicht(en) könnte ich damit verbinden, um meinen möglichen Lohn zu steigern?

 

Besonders wichtig finde ich diese Präsenz im zwischenmenschlichen Bereich. Oft liest man Tipps, wie man Interesse an einem Gespräch signalisiert, z.B. Nicken, Nachfragen, „Ah“s und „Oh“s. All das ist nicht notwendig, wenn wir *wirklich* zuhören und mit dem Herzen anwesend sind. Andere spüren es, wenn man abwesend ist. Und wir sind es so oft – selbst dann, wenn wir uns zwingen, elektronische Geräte wegzulegen.

 

Alles, was unsere Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum hinweg erfordert, hilft uns, die Konzentrationsfähigkeit zu trainieren, vor allem das bereits erwähnte Gebet. Auch Entspannungsübungen eignen sich sehr gut, z.B. Progressive Muskelentspannung und Atemübungen. Hier zeigt sich dann sehr deutlich, wie (un)fähig man ist, geduldig bei einer Sache auszuharren, die keinen nennenswerten Unterhaltungswert hat. Aber gerade solche, vermeintlich langweilige, Tätigkeiten, können uns helfen, die Abhängigkeit des Gehirns von „Daueranimation“ zu reduzieren.

 

Lesen ist ebenfalls ein gutes Mittel, aber auch hier muss auf die richtige Art und Weise geachtet werden. Das Blättern in einer Zeitschrift oder das Scrollen durch newsfeeds hat den gegenteiligen Effekt. Qur’anlesen, oder gar Auswendiglernen, ist hingegen ein ideales Mittel, mit zudem einem hohen Lohn. Vorträge anhören, die länger als ein paar Minuten dauern, und ein anspruchsvolles oder inspirierendes Thema bearbeiten. Ausdauersport. Auch Hausarbeit kann sich eignen, wenn sie nicht in ein Hin-und Herspringen auswartet, sondern Stück für Stück abgearbeitet wird. 

 

Ein sehr gutes Training sind meiner Erfahrung nach auch alle Tätigkeiten, die man richtig gerne verrichtet. Beschäftigungen, bei denen man in einen „Fluss“ kommt, bei dem man alles andere vergisst, und sich nur noch darauf konzentriert, wie Sport, „Gehirnjogging“, das Betrachten der Natur, oder die bereits erwähnten Qur’anrezitation. Kreative Beschäftigung sind mein persönlicher Favorit, denn sie haben nebenbei einen regelrecht therapeutischen Effekt.

 

Durch all diese Beschäftigungen „lernt“ das Gehirn, sich zu fokussieren und in etwas vollständig einzutauchen, und kommt dadurch eher zu Ruhe, als durch das, was wir zu oft als „Entspannung“ verrichten. Wir brauchen also mehr von solchen Tätigkeiten, auch unsere Kinder. Im Übrigen bin ich ganz der Meinung von Kleinkindpädagogin Magda Gerber die sagte, dass es nicht stimme, dass Kleinkinder eine kurze Aufmerksamkeitsspanne haben. Sie haben im Gegenteil die beste Fähigkeit, in eine Sache einzutauchen. Jeder, der einmal ein Kleinkind beobachtet hat, das sich alleine die Hände wäscht, oder mit Kieselsteinen spielt, erkennt darin diesen Zustand des „Fließens“. Man hat das Gefühl, das Kind TUT diese Tätigkeit nicht, es IST diese Tätigkeit. Genau diese Erfahrungen müssen wir uns zurückholen.

 

Aber für was auch immer wir uns entscheiden: Die große Herausforderung ist, dem ständigen Drang zu widerstehen, die Tätigkeit „kurz“ zu unterbrechen. Das erfordert mitunter Übung und Disziplin, aber es lohnt sich!