Häusliche Gewalt

Ich wollte schon lange etwas über häusliche Gewalt schreiben. Das ist ein Thema, das mir schwer fällt, weil mir oft die richtigen Worte fehlen, und zugegebenermaßen auch Ausbildung und Erfahrung (wenngleich ich mich um eine Schulung in dem Bereich bemühen möchte, weil es einfach so notwendig ist, dass ich es nicht mehr vernachlässigen kann).

Zuerst möchte ich sagen, dass ich auch hier wieder vor allem Frauen anspreche, weil es der Bereich ist, indem ich zumindest eine bescheidene Erfahrung habe. Ich bin aber überhaupt nicht der Meinung, dass es ein Problem nur gegen Frauen ist. Gewalt gegen Männer ist oft nur subtiler, aber wahrscheinlich nicht weniger häufig. Diese Vermutung stelle ich deswegen auf, weil Frauen nicht allein aufgrund ihres Geschlechts die „besseren Menschen“ sind und weniger Probleme mit zurückliegenden Traumata oder Impulskontrolle haben. Die schlimmsten Fälle, die ich von Frauen als Täter mitbekommen haben, waren versuchte Vergiftung und falsche Vergewaltigungsvorwürfe (beides Mal offenbar aufgrund von Sorgerechtsstreitigkeiten). In GB wurde kürzlich Jordan Worth als erste weibliche Täterin häuslicher Gewalt verurteilt. Man mag es kaum glauben, wenn man ihre Bilder sieht, was für abscheulich grauenvolle und gewaltsame Taten sie vollbracht hat.

 

Aber genau das ist das Perfide. Es gibt keinen typischen Täter, genauso wenig, wie es den typischen Geschädigten gibt (ich schreibe bewusst „Geschädigte“ und nicht „Opfer“, weil ich schon mit der Wortwahl verdeutlichen möchte, dass die Geschädigten nicht so hilflos und schwach sind, wie es ein Wort wie „Opfer“ suggeriert). Ich habe mit hoch gebildeten Frauen aus „guten“ Verhältnissen über ihre Gewalterfahrungen gesprochen, die immer wieder betonten, sie können es sich nicht erklären, wie „ausgerechnet sie“ in so eine Situation geraten sind. Und warum sie geschwiegen haben, obwohl sie jeder anderen in ihrer Situation das Gegenteil raten würden. Und immer, immer wieder höre ich Frauen sagen: „Kein Mensch würde das glauben, wenn er meinen Mann kennt.“ Er ist ein Lehrer in der Moschee, ein Student des Wissens, anerkannt in der Gemeinschaft, jemand, der sich öffentlich für Frauenrechte einsetzt, jemand, dem seine Religion am Herzen liegt. Ein gläubiger Bruder. Ein hilfsbereiter Freund. Ein ehrlicher Mitarbeiter.

 

Und das ist die Nachricht, die ich heute gerne verbreiten würde, an alle Schwestern, die noch nicht verheiratet sind: Religiosität befreit uns nicht automatisch von all unseren Schwächen, und manche Schwächen sind für die Menschen im nahen Umfeld verheerender, als andere. Es ist nicht genug zu wissen, wie viel jemand „praktiziert“. Die Länge des Bartes, die Kürze der Hosen, die Menge des Wissens, das Ansehen in der Gemeinde – all das lässt keine Rückschlüsse darauf zu, wie er seine Frau behandeln wird. Manche Menschen tragen tiefe Wunden und Schmerzen in sich, die sie gut verbergen können, bis ein Mensch in ihr Leben tritt, der ihnen so nahe ist, dass kein Verstellen mehr möglich ist. Leider gibt es auch keine Liste von sicheren Indikatoren, aber es ist sehr wichtig, auf Warnzeichen zu achten.

 

Solche Warnzeichen sind z.B., dass jemand seine Emotionen nicht gut im Griff hat, z.B. schnell ausfällig, laut oder gar körperlich aggressiv wird. Auch ein respektloser Umgang mit Schwächeren oder Menschen mit niedrigerem Status sind eine rote Fahne. Viele denken fälschlicherweise, der Mann würde seine eigene Frau anders behandeln, weil er sie ja schließlich lieben würde (oder weil sie aufgrund ihrer Liebe in der Lage wäre, ihn zu bessern). Leider ist oft das Gegenteil der Fall, denn die Nahestehenden leiden in der Regel am meisten unter den Schwächen, die jemand hat.

 

Du kannst auch beobachten und erfragen, wie er mit weiblichen Familienmitgliedern umgeht, vor allem Schwestern, Cousinen oder anderen Gleichaltrigen. Es lohnt auch, sich die Ehe der Eltern genauer anzusehen, denn sie dient oft als Vorlage für die eigene Ehe. Gibt es Gewalt oder Suchtkrankheiten in der Familie? Wie behandelt der Vater die Mutter? Oft werden Verhaltensweisen über Generationen hinweg weitergegeben. Gab es Gewaltprobleme in seiner Vergangenheit (frühere Ehen, Anzeigen…)?

 

Das alles muss nicht heißen, dass jemand mit solchen Anzeichen gewalttätig werden wird. Und Menschen können sich auch ändern. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen, eine gute Portion Urteilskraft und Vernunft einfließe zu lassen, auch die Meinung von anderen, und Emotionen erst einmal zur Seite zu schieben.

 

Wenn man sich schon in einer Ehe befindet, in der es Probleme gibt oder sich abzeichnen, dann wartet mit einer (weiteren) Schwangerschaft erst einmal ab. Zuerst machen Kinder überhaupt nichts besser, sondern verschärfen *jeden* schwelenden Konflikt mit zu 100% Sicherheit. Auch in glücklichen Ehen. Zum anderen wird das Gehen mit Kindern schwer.

 

Die meisten Frauen sagen im Nachhinein, dass sie eigentlich recht früh wussten, dass etwas ganz schwer nicht in Ordnung war in ihrer Ehe, aber sie wollten es nicht wahrhaben oder verdrängten es. Und alle wünschten, sie hätten es nicht getan, und sich früher Hilfe gesucht oder ihrer Familie anvertraut.

 

Man kann auch aus den Fehlern anderer lernen. Lasse dich also nicht von Äußerlichkeiten blenden, auch wenn diese Äußerlichkeiten religiösen Charakter haben, sondern schau genau hin, lasse dich beraten, nimm dir deine Zeit.

 

Allen, die sich in einer gewaltsamen Ehe befinden, möchte ich *unbedingt* raten, sich jemandem anzuvertrauen – und zwar egal, ob man die Beziehung verlassen möchte oder nicht. In der Regel haben Betroffene schon lange erfolglos versucht, das Problem alleine zu lösen. Den Frauen muss klar sein, dass ihr Verhalten des Schweigens und Tolerierens das Problem verschlimmert. Sie werden damit, wenn auch ungewollt, zu einem Teil des Problems. Ich höre immer wieder Frauen sagen, dass sie ihrem Mann und dessen Ansehen „nicht schaden wollen“ oder Angst um ihn haben, wenn sie ihn verlassen würden. In ihrem tiefsten Inneren spüren sie, dass eigentlich sie die Starken in dieser Beziehung sind, und wollen den Partner schützen. Aber manchmal ist das Liebevollste, was man für einen anderen Menschen tun kann, ihn davon abzuhalten, zu sündigen. Auch wenn der andere einen dafür hasst.

 

Der Prophet (s) sagte:

 

„Hilf deinem Bruder, ob er Unrecht begeht oder unter Unrecht leidet!“ Einer fragte: „O Gesandter Allahs, wir helfen ihm, wenn er unter Unrecht leidet. Aber wie können wir ihm helfen, wenn er selbst Unrecht begeht?“ Der Prophet erwiderte: „Indem du seine Hände tatkräftig vom Unrecht abhältst!“ (Buchari)

 

 

Die erfahrene Familientherapeutin Cloe Madanes sagt in einem ihrer Bücher, dass Gewalttäter erst dann bereit sind, sich zu ändern, wenn die negativen Konsequenzen ihres Verhaltens für sie selbst größer sind, als für den Geschädigten. Solange die Gewalt im Verborgenen passiert, ist dies in aller Regel nicht der Fall.

 

Dieser Schritt braucht sehr viel Mut, Stärke und Weisheit. Daher bitte Allah inständig um Hilfe – auch bei der Auswahl der richtigen Helfer. Familienangehörige, die auf der Seite der Geschädigten stehen und die der Täter als Autoritätsperson respektiert, sind i.d.R. die erste Wahl (Brüder, Vater, Onkel, Schwiegereltern, Schwager...).

 

Gerade auch, wenn eine Frau die Ehe verlassen will, braucht sie unbedingt jemanden, der sie in diesem Schritt schützt und unterstützt.

 

Ich höre auch immer wieder, dass Frauen sich selbst Schuld an der Gewalt geben. Auch das ist eine Art, den Täter zu schützen. Diesen Frauen möchte ich gerne sagen, dass es viele Frauen gibt, die ähnliche Schwächen wie sie haben, und dennoch nicht geschlagen werden. Wir alle sind nicht perfekt, und jeder sollte an sich und seinen Schwächen arbeiten. Aber dennoch haben wir alle das Recht, uns gerade in unserer Ehe sicher und geschützt zu fühlen. Solange ein Gewaltproblem besteht, ist es unmöglich, andere Probleme in der Ehe zu bearbeiten, da die Basis einer gesunden Ehe Vertrauen und Sicherheit ist. Solange ein Partner nicht vertrauen kann, dass er sicher ist, kann keine stabile Verbindung entstehen. Angst als Basis einer Beziehung wird immer wieder zu schweren Problemen führen.

 

Leider ist die Sichtweise des Täterschutzes in der Gesellschaft noch immer sehr tief verankert und viele tun sich schwer, sich mit Geschädigten zu solidarisieren. Es bräuchte viel mehr Männer in angesehenen Stellungen, die sich klar gegen Gewalt aussprechen und Wege suchen, den Geschädigten zu helfen. Ich habe es oft genug selbst gehört, dass Frauen – auch von anderen Frauen! –  gesagt wurde, das sei doch normal, alle Männer seien so, sie solle ihn eben nicht provozieren, Geduld mit ihm haben, das sei doch kein Grund für Trennung, sie solle doch an die Kinder denken usw. Wer gibt diese Ratschläge den Männern? Wer nimmt sie in Verantwortung für den Schaden, den sie anrichten? Wer trägt dazu bei, dass Gewalt gegen Frauen so geächtet wird, dass sich die Täter schämen müssen, nicht die Geschädigten? Wer sagt deutlich: „Nein, das ist nicht normal, und nicht alle Männer sind so!“?

 

 

Zu guter Letzt möchte ich eine kurze, aber aussagekräftige Botschaft von Cloe Madanes teilen. Sie spricht darüber, wie häusliche Gewalt, egal ob emotional, sexuell oder körperlich, tiefe Wunden hinterlässt. Und zwar nicht nur emotional und körperlich, sondern auch spirituell. Diesen spirituellen Schmerz zu überwinden, ist besonders schwer, da es die Essenz unserer Persönlichkeit angreift. Der beste Weg, diesen Schmerz zu überwinden, ist, anderen Menschen zu helfen. Denn so macht man aus dem Schmerz eine Möglichkeit, zu wachsen und etwas Sinnvolles beizutragen. Der Schmerz erlangt dadurch einen höheren Sinn, er hat uns zu einem besseren Menschen gemacht, uns auf eine höhere spirituelle Stufe angehoben – und ich füge hinzu, dass wir uns dadurch auch Allah auf eine intensivere Weise annähern können. Denn wir können andere auf eine Art und Weise verstehen und helfen, wie es jemand, der solche Erfahrungen nicht gemacht hat, es nicht tun könnte.

 

Möge Allah uns schützen und helfen. Amin.

 

„...und wer Allah fürchtet, dem schafft Er einen Ausweg (aus allen Bedrängnissen) und gewährt ihm Versorgung, von (wo) aus er nicht damit rechnet.
Und sich auf Allah verlässt, dem ist Er sein Genüge (…)“

 

(65:2-3)

 

 

(Hier ist der Link zu dem Video von Cloe Madanes)