Studie zur Ehezufriedenheit muslimischer Frauen

Im November 2018 führte ich im Rahmen einer Bachelor Arbeit eine Studie zur Ehezufriedenheit muslimischer Ehefrauen aus, deren Ergebnisse ich nachfolgend zusammenfasse.

 

Dabei habe ich bewusst auf ein wissenschaftliches Format verzichtet, denn dieser Text richtet sich an interessierte Laien, in erster Linie an die Teilnehmerinnen selbst. Zudem habe ich den Originaltext auf Englisch verfasst und hadere daher ein wenig mit der korrekten Formulierung einiger Ausdrücke und Begriffe auf Deutsch. Ebenso habe ich in diesem Text auf die Nennung von Zahlen verzichtet, und verwende stattdessen der Einfachheit halber Formulierungen wie „einige“, „manche“ oder „viele“. Ich bitte daher darum, sich nicht an möglichen Formfehlern und Formulierungen in diesem Text aufzuhängen. Die gesamte Studie hatte fast 80 Seiten, daher ist es schwer, alle Ergebnisse zusammenzufassen.

 

Da sie noch nicht veröffentlicht wurde (und ich auch noch nicht weiß, ob und wie das passieren wird), werde ich sie aus Copyrightgründen momentan nicht verschicken und bitte dafür um Verständnis.  

 

 

 

Die Abkürzung TN steht für „Teilnehmerinnen“.

 

 

 

Das Hauptziel der Studie war zu ermitteln, wie Islam und die Ehezufriedenheit muslimischer Frauen zusammenhängen, und wie sich die Ehezufriedenheit durch gezielte Nutzung islamisch inspirierter Interventionen verändert. Die Studie hatte eine qualitative Ausrichtung. Vereinfacht gesagt bedeutet das, dass das Ziel der Datenerhebung nicht war, Hypothesen empirisch zu beweisen, sondern dass es vielmehr darum ging, bestimmte Phänomene und Vorgänge besser zu verstehen und Strukturen und Abläufe sichtbar zu machen.

 

 

 

Dafür habe ich ein Programm entwickelt, in dem ich in insgesamt vier kurzen Vorträgen verschiedene Konzepte vorgestellt habe. Jeder Vortrag enthielt eine Wochenaufgabe, in der die Teilnehmerinnen das jeweilige Konzept in ihrem Alltag integrieren sollten. Die Wochenthemen waren: Niyya (Absicht), Dankbarkeit, (anderen) Geben und Sorge für dich selbst (mit Schwerpunkt auf gottesdienstlichen Handlungen). So sollten die Teilnehmerinnen z.B. eine Liste mit guten Absichten für ihre Ehe erstellen, oder ein Dankbarkeitstagebuch führen.

 

Die Daten wurden durch online Fragebögen erhoben, um die Anonymität zu gewährleisten. Insgesamt gab es fünf Fragebögen zu beantworten: 1 vor Beginn der Studie, und einen nach jeder Wochenaufgabe, wobei der letzte Fragebogen am umfangreichsten war. Die Fragbögen waren eine Kombination aus 1-5 Skalen (z.B. Wie zufrieden bist du mit deiner Ehe?) und offenen Fragen, bei denen die Teilnehmerinnen selbst Antworten formulieren mussten.

 

 

 

Teilnahmevoraussetzungen waren unter anderem:

 

-                  Mindestalter 18, weiblich und verheiratet

 

-                  Beide Ehepartner sind sunnitische Muslime und praktizieren ihre Religion (insbesondere Pflichtgebete und Fasten)

 

-                  Mindestens 1 Jahr verheiratet und in einem gemeinsamen Haushalt lebend

 

-                  In der Ehe gibt oder gab es von beiden Partnern keine: Gewalt, Suchterkranken, kriminelle Handlungen, Betrug, schwere psychische Erkrankungen

 

 

 

Angemeldet haben sich 80 TN, 65 füllten den ersten Fragebogen aus und den letzten 41. Da die TN ohne Angabe von Gründen die Studie verlassen konnten, kann ich nicht nachvollziehen, warum TN ausschieden. Aber die Zahl war genug, um verwertbare Aussagen treffen zu können. Die TN waren zwischen 21 und 51 Jahren alt und zwischen 1 und 36 Jahre verheiratet. 

 

Um es nochmal zu sagen, da die Studie qualitativ war, ging es nicht darum, eine repräsentative Gruppe zu untersuchen, sondern TN wurden gezielt ausgewählt, um relevant für das Thema zu sein.

 

 

 

Im ersten Fragebogen ging es vor allem darum zu verstehen, wie Islam und Ehezufriedenheit zusammenhängen. 60 von 65 TN gaben an, dass der Islam einen großen oder sehr großen Einfluss auf ihre Ehe hatte, für 59 war dieser Einfluss positiver Natur. 1 TN empfand, dass ihr Mann den Islam als Druckmittel gegen sie missbrauchte, gab aber auch an, dass sie das auf eine Schwäche ihres Mannes, nicht der Religion selbst, zurückführte. 

 

 

 

Zusammenhang zwischen Islam und Ehezufriedenheit

 

 

 

Als TN gefragt wurden, wie sich der Islam auf ihre Ehe auswirkt, offenbarten die Antworten sechs Bereiche (Antworten waren nicht vorgegeben, sondern wurden in offenen Fragen von TN selbst genannt):

 

1)     Schutz vor Scheidung

 

Ohne den Islam wären wir schon getrennt, oder hätten Krisen nicht überstanden. Interessant dabei war, dass auch TN, die nach eigenen Angaben eine glückliche Ehe führten, angaben, schon an Scheidung gedacht zu haben.

 

 

 

2)     Kampf gegen das Ego/Verbesserung des Charakters

 

Durch den Islam habe ich meinen Charakter/mein Benehmen verbessert und mein Ego überwunden, z.B. durch mehr Geduld, Vergebung, Respekt, Zurückhaltung etc.

 

 

 

3)     Allah ist ein aktiver Teil unserer Ehe

 

Die eheliche Verbindung geht über die beiden Ehepartner hinaus, und Allah wird als ein aktiver Teil dieser Verbindung betrachtet, d.h. es geht in dieser Ehe nicht nur um uns beide, sondern auch (oder vor allem) um Allah. Allahs Präsenz in der Ehe wird z.B. durch Antworten auf Bittgebete, Rechtleitung oder Führung durch schwierige Phasen wahrgenommen.

 

 

 

4)     Ein rechtlicher Rahmen

 

Die Gebote und Verbote des Islam schaffen einen rechtlichen Rahmen innerhalb der Ehe, den beide als Richtlinien anerkennen. Bei Differenzen wird auf diesen Rahmen zurückgegriffen.

 

 

 

5)     Lohn und Jenseits

 

Unsere Ehe hat ein Ziel, das über das weltliche Leben und irdische Bedürfnisse hinaus geht.  Wenn ich etwas tue, dann erwarte ich in erster Linie einen Lohn von Allah dafür.

 

 

 

6)     Ehe als Gottesdienst

 

Durch die Ehe komme ich Allah näher/ ich sehe die Ehe als einen Teil meiner gottesdienstlichen Handlungen an.

 

 

 

 

 

Emotionale Verbundenheit

 

 

 

Interessant ist auch immer das, wonach man eigentlich nicht gesucht hatte. Im 1. Fragebogen zeigte sich sehr deutlich, warum sich die TN in zwei Gruppen (tendenziell zufrieden/tendenziell unzufrieden in der Ehe) aufteilten: In der „tendenziell unzufriedenen“ Gruppe lies sich aus den Antworten ableiten, dass die TN unter der Abwesenheit einer tieferen, emotionalen Verbundenheit mit ihrem Mann litten. Antworten waren beispielsweise: „wir sind wie Geschäftspartner“, „er interessiert sich nicht für meine Gefühle“, „es fehlt etwas zwischen uns“, oder ähnliches. Einige gaben konkrete Gründe dafür an (siehe unten), andere erwähnten sogar, dass es „technisch“ gesehen keine Gründe für ihre Unzufriedenheit gäbe, sie aber dennoch nicht zufrieden seien.

 

 

 

In diesem Teil des Fragebogens gingen die TN teilweise sehr stark ins Detail, was ihre emotionalen Schmerzen aufgrund der fehlenden Verbundenheit mit ihrem Mann angeht:

 

 

 

„Ich fühle mich einsam und überfordert.“

 

„Wir haben ein gutes Leben, aber es fehlt Romantik, Wärme und Zuneigung.“

 

„Ich würde es keine Ehe nennen, sondern ein Anstellungsverhältnis.“

 

„Mein Kopf sagt mir, dass meine Ehe perfekt ist (…) aber für mein Herz fehlt etwas Grundlegendes.“

 

„Ich vermisse die Verbundenheit, die wir ohne die Kinder hatten.“

 

„Der emotionale Part ist nicht existent.“

 

„Von außen gesehen ist meine Ehe perfekt (…), aber es fehlt der Kern einer stabilen Beziehung und einer schönen Ehe, der für mich Liebe, Respekt und Wertschätzung ist.“

 

 

 

Bei der tendenziell zufriedenen Gruppe zeigte sich hingegen in den Antworten, dass diese emotionale Verbindung offensichtlich vorhanden ist – und auch, woran die TN das festmachen. Beispiele dafür waren Humor, Freundschaft, Vergebung, gegenseitige Anziehung, Spaß, Wertschätzung und gute Kommunikation.

 

 

 

Dieses Ergebnis war auch deshalb so eindrucksvoll, weil es sich in so einer Häufung zeigte, obwohl ich nicht direkt danach fragte. Auch die ausführlichen Antworten zeigten, dass die TN offensichtlich ein großes Bedürfnis hatten, ihrem emotionalen Schmerz – oder ihrem Glück – Ausdruck zu verleihen.

 

Für mich als Frau waren diese Ergebnisse nicht überraschend (nicht umsonst trägt mein Eheratgeber den Titel „Innige Verbundenheit“).

 

(Auch in den Beratungen fällt mir übrigens immer wieder auf, dass es bei Problemen im Grunde genommen viel öfter um nichterfüllte emotionale Bedürfnisse geht, als um die „technischen“ Probleme, die an der Oberfläche erscheinen.)

 

 

 

 

 

Die Quelle der Unzufriedenheit

 

 

 

Was außerdem auffallend war: Im Durchschnitt waren die Frauen zufriedener mit ihrem Mann als Ehemann, als mit der Ehe als Ganzes. Dennoch gab ein Großteil der weniger zufriedenen Frauen an, die Gründe für ihre Unzufriedenheit lägen hauptsächlich bei ihrem Mann. Man hätte also eher vermutet, sie seien mit ihrem Mann als Ehemann unzufriedener als mit der Ehe als Ganzes, aber dem war eben nicht so.

 

 

 

Nur 9 von 65 Frauen gaben überhaupt Dinge an, die sie ihrer Meinung nach ändern müssten, alle anderen sahen vor allem ihren Mann in der Verantwortung (Nr. 1 auf der Liste war „zu wenig Zeit für die Familie“ – dieser Punkt wurde von fast allen TN genannt, dicht gefolgt von mangelnder Wertschätzung. Zu wenig religiöses Engagement sowie Probleme mit Finanzen, Kindererziehung und Familienangehörigen tauchte auch häufig auf. Schwerere Probleme wie Gewalt waren Ausschlusskriterien für die Studie.)

 

 

 

Um es vorweg zu nehmen: Im letzten Fragebogen gab es diesen Unterschied immer noch, aber er war wesentlich kleiner. Eine Einschätzung von mir (die ich jedoch noch nicht belegen kann) ist, dass Frauen ihre Unzufriedenheit nicht immer auf die tatsächlichen Quellen der Unzufriedenheit zurückführen, d.h. sie nehmen an, wenn sie unzufrieden sind, müsste es v.a. an ihrem Mann liegen, obwohl das nicht die einzige Ursache sein kann.

 

 

 

 

 

Die vier Wochenaufgaben

 

Was die Themen angeht, die das Herz der Studie ausmachten, kann man sagen, dass sie sich sowohl positiv auf die Ehezufriedenheit als auch auf den Glauben der Teilnehmerinnen ausgewirkt hatten. Die höchste positive Bewertung hatte das Thema Dankbarkeit, dicht gefolgt von Absicht, dann Geben und schließlich Sorge um dich selbst.

 

 

 

Dankbarkeit führte unter anderem dazu, dass TN Dinge wahrnahmen, oder positiver wahrnahmen, die schon vorhanden waren, dass sie (aufgrund des Tagebuchs) gezielt nach positiven Elementen suchten (und dadurch ihren Fokus änderten) und dass ihre Gewichtung sich verschob. Ein Zitat fasst den Wandel wie ich finde sehr schön zusammen:

 

 

 

„Ich hatte die Aufgabe verstanden, aber nicht, wie sie meine Ehezufriedenheit beeinflussen sollte. Ich habe den Effekt nun selbst erfahren. Meine Laune ist besser, ich fühle mich abends nicht mehr so müde und viel präsenter mit meinem Mann. Vorher war das nur so, wenn etwas außergewöhnlich Tolles an dem Tag passiert ist. Jetzt bringen mich Kleinigkeiten in diese Hochstimmung.“

 

 

 

Das gezielte Sammeln und Fassen von Absichten brachte die TN dazu, ihren Alltag/ihre Ehe anders zu bewerten, und mit mehr Motivation und teilweise sogar Freude ihre Aufgaben zu erfüllen:

 

„Ich laufe durch mein Haus und sehe überall Hasanat die nur darauf warten, dass ich sie mir hole!“

 

 

 

 

 

Als die TN nach ihren wichtigsten Erkenntnissen aus der Studie gefragt wurden, tauchten folgende vier Themen auf:

 

 

 

1) Veränderte Wahrnehmung und Einstellung

 

Vor allem Dankbarkeit und Absicht führten zu einer anderen Wahrnehmung ihres Ehemannes/ihrer Ehe und veränderten ihre eigene Einstellung dazu.

 

„Ich habe aufgehört, mich ständig zu fragen, was ich will, und mit konkreten Taten begonnen.“

 

 

 

2) Zufriedenheit hängt von sich selbst und der Beziehung zu Allah ab

 

„Ich kann mich ändern, und das beeinflusst jeden Aspekt meines Lebens.“

 

„Ich fühle mich reifer (…). Im ersten Fragebogen nannte ich nur Dinge, die mein Mann ändern muss und sah die Verantwortung vor allem bei ihm. (…) Alhamdulillah, jetzt weiß ich, ob ich das Problem bin oder nicht, ich kann nur an mir selbst arbeiten, und das ist jetzt mein Fokus.“

 

 

 

3) Ehe bedeutet Arbeit

 

„Eine gute Ehe verlangt viel Einsatz und Arbeit, und man sollte nichts für selbstverständlich nehmen.“

 

 

 

4) Kleine Dinge können Großes bewirken

 

„Ich bin überzeugt davon, dass Kleinigkeiten das Potential für große Veränderungen haben, z.B. den Mann anzulächeln, wenn er nach Hause kommt.“

 

 

 

Die interessanten Erkenntnisse dieser Studie sind für mich, dass sich die Ehezufriedenheit verbessern lässt, obwohl sich der Zustand der Ehe selbst nicht ändert. Obwohl äußere Umstände ohne Zweifel wichtig sind, sind sie eben nicht alles. Vieles spielt sich in uns selbst ab, in unserer eigenen Wahrnehmung, unserer Einstellung und unserem Verhalten. Auch die Reaktionen, die unsere eigenen Änderungen bei anderen hervorrufen, sind oft sehr viel positiver.

 

 

 

„(…) das Wissen, dass nicht alles perfekt sein muss, um zufrieden zu sein, aber dass man sich um mehr gute uns positive Dinge bemühen kann, hat meinen Fokus auf all das gelenkt, was gut läuft.“

 

 

 

„Alles hat sich verändert. Ich habe Probleme gesehen, wo keine waren. Ich war unzufrieden mit mir selbst, und habe das auf meine Ehe übertragen. Ich bin ausgeglichener, und das wirkt sich auf meinen Mann aus…“

 

 

 

Der Islam kann einer Ehe Stabilität verleihen und eine Richtung geben. Durch die gezielte Anwendung islamischer Interventionen kann sich auch die Zufriedenheit innerhalb der Ehe verbessern.

 

 

 

Abschließend möchte ich mich nochmal herzlich bei allen Teilnehmerinnen bedanken und betonen, dass dies nur eine Zusammenfassung ist, und die Erkenntnisse aus dieser Studie Ansatzpunkt dafür liefern, welche Faktoren nützlich sein können, um die Ehezufriedenheit zu verbessern. Nicht, dass diese Faktoren immer zu den genannten Ergebnissen führen.

 

 

 

Alles Gute und Richtige darin kommt allein von Allah, alles Schlechte und Falsche allein von mir.