Gefühle und Ziele

Wir leben in einer Zeit, in der Gefühlen eine große Bedeutung beigemessen, und allgemein sehr viel Rücksicht genommen wird, und auf der einen Seite ist das eine gute und wichtige Entwicklung, aber da jede Medaille zwei Seiten hat, gibt es auch einen problematischen Teil.

 

Wenn man anfängt, Gefühle als Beurteilungsmaßstab, oder als Richtlinie für Entscheidungen, heranziehen, bewegt man sich auf gefährlichem Terrain. Gefühle können uns zeigen, was unserem Nafs, unserem Ego, gefällt, oder nicht gefällt, aber nicht immer ist es auch das, was objektiv für uns gut, oder besser, wäre. Genauso, wenn wir Rücksicht auf die Gefühle von anderen nehmen, was grundsätzlich zwar nicht falsch ist, aber vor allem nimmt man damit Rücksicht auf das Ego, und auch das ist nicht immer der beste Weg.

 

Das Nafs muss „erzogen“ werden, und diese „Erziehung“ ist etwas, was sich manchmal nicht schön anfühlt. Auf die islamischen Regeln bezogen bedeutet das, dass man nicht davon ausgehen kann und darf, dass es „Spaß“ macht, sich daran zu halten, oder einfach ist, oder sich auch nur „gut anfühlt“. Wer diese Stufe erreicht hat, also Freude an dem findet, was teilweise gegen sein Nafs geht, der hat in aller Regel einen langen, langen Zeitraum hinter sich, in dem er sein Ego immer und immer wieder in die Schranken verwiesen hat, und oft und lange Dinge getan, ohne Lust oder Freude dabei zu verspüren. Stärke – ob im Körper oder im Charakter – ist immer ein Resultat von Training. Man entwickelt sie nicht durch Schonung, sondern im Gegenteil, gerade das, was schwach ist, muss besonders stark gefordert werden (und jeder, der regelmäßig trainiert weiß auch, dass man nicht immer Freude daran hat. Oft eher danach als währenddessen). Wenn man, aus Rücksicht auf eine Schwäche, in die Schonhaltung verfällt, verkümmert dieser Teil immer mehr.

 

Ich habe einmal eine Aussage von Imam At Thawri gelesen, deren Authentizität ich leider nicht überprüft habe, aber deren Bedeutung ich als stimmig erachtete. Er soll über sich selbst gesagt haben, er hätte 20 Jahre lang das Nachtgebet verrichtet, bevor er zum ersten Mal die Süße dieses Gebetes verspürt hatte. 20 Jahre. Viele, die diesen Text lesen, haben noch nicht einmal so lange ihre Pflichtgebete verrichtet. Macht es Spaß, 20 Jahre lang nachts aufzustehen, ohne wenigstens eine emotionale „Belohnung“ in Form eines „schönen Gefühls“ dabei zu verspüren? Sicher nicht. Er hat verstanden, warum es dennoch wichtig ist, dabei zu bleiben. Diese Form der Selbstdisziplin ist uns völlig abhandengekommen, und ich bin davon überzeugt, das tut uns nicht gut, und unseren Kindern auch nicht. Wir haben oft mehr Angst davor, zu überfordern, als zu unterfordern (besonders wenn es um Glaubensangelegenheiten geht). Obwohl es immer nur vorwärts gehen kann, sonst geht es automatisch rückwärts.

 

Wo immer ein starkes Gefühl vorhanden ist, ist die automatische Reaktion, diesem Gefühl nachzugeben, und sehr oft finden wir dann auch allerlei intellektuelle Rechtfertigungen dafür. Und gibt es nicht sogar diese Fatwa, die sagt, dass unter gewissen Umständen, die ja eigentlich auf mich zutreffen, könnte man…

 

Wir sind mit uns selbst, unseren Kindern, und der Gemeinde, in eine Schonhaltung verfallen, und wir haben allerlei Ausreden, oder intellektuelle Rechtfertigungen, warum diese Schonhaltung notwendig ist. Und währenddessen sinkt das Niveau immer weiter nach unten, und wir haben allerlei Rechtfertigungen dafür, warum es in Ordnung ist, und vielleicht eher die Ansprüche zu hoch sind. Sünden oder Schwächen, die man früher versucht hätte, zu verbergen, werden heute ganz offen gezeigt oder gar gerechtfertigt. Derjenige, der sich daran stört, ist oft derjenige, der getadelt wird.

 

Versteht mich nicht falsch, wir alle haben Schwächen oder begehen Sünden. Aber der Umgang, oder die Sichtweise darauf, macht den Unterschied aus.

 

Interessanterweise ist dieser „Trend“ auch in anderen Bereichen zu spüren, z.B. liest man immer wieder, dass viele Lehrer das stetige Absinken des Leistungsniveaus an Schulen kritisieren. Wenn man die Erwartungshaltung nach unten setzt, sinkt oft auch die Leistungsbereitschaft. Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen, aber in aller Regel streben Menschen danach, die Erwartungen, die in sie gesetzt werden (auch die negativen) zu erfüllen. Wenn der Mindeststandard tief angesetzt wird, erhält man sehr wahrscheinlich genau das. Warum sich anstrengen, und mehr tun, wenn es mir da, wo ich gerade stehe, gut geht?

 

Eine interessante psychologische Erkenntnis zur Erreichung von Zielen ist, dass „ideale“ Ziele solche sind, die zwar realistisch sind, aber uns auch herausfordern, also uns in unseren momentanen Fähigkeiten ein wenig überfordern. Sind Ziele viel zu niedrig gesteckt, dann ist es genauso unwahrscheinlich, dass sie erreicht werden, als wenn sie viel zu hoch sind. Gerade bei Kindern ist es daher sehr wichtig, dass man es nicht „zu gut“ mit ihnen meint, und dabei die falsche Botschaft an sie vermittelt: Ich glaube nicht, dass du mehr kannst, daher verlange/erwarte ich nur wenig.

 

Oder: Das von dir zu verlangen, wäre zu viel für dich, daher setze ich den Standard gleich niedriger.

 

Auf die Religion bezogen bedeutet das z.B., dass die Umsetzung religiöser Gebote realistisch ist, sonst wären sie keine universelle Pflicht. Ausnahmen von Pflichten sind festgelegt, nicht intellektuell ableitbar. Man hilft niemandem, auch nicht sich selbst, wenn man Ausreden liefert, seine Ziele zu niedrig zu stecken. Jeder, der einmal ein solches realistisches, aber leicht überforderndes, Ziel in seinem Leben erreicht hat, weiß, was für einen Schub für das Selbstbewusstsein diese Erfahrung liefert.

 

Wie schade ist es, dass Kinder diese Erfahrungen immer seltener machen dürfen.

 

Am Ende muss jeder selbst entscheiden, wer in seinem Leben das Steuer übernehmen darf. Wenn es das Ego ist, hat man vielleicht eine angenehmere Fahrt, aber nicht unbedingt zu dem Ziel, zu dem man kommen wollte.

 

Wenn sich das Ego unterordnen soll, dann ist das manchmal richtig, richtig hart. Man wird Dinge sagen müssen, die man lieber nicht sagen möchte, man wird Menschen vor den Kopf stoßen müssen, man wird viele, viele Dinge tun, ohne Spaß daran zu finden.

 

Wenn man seinen Kindern wünscht, dass sie diesen Weg einschlagen, wird man ihnen beibringen müssen, wie das geht – und auch das ist nicht immer angenehm. Man wird ihnen oft klar machen müssen, dass man erwartet, dass sie das Richtige tun, nicht das Leichtere oder Angenehmere. Man wird den Mindeststandard hoch ansetzen müssen, und hart an sich selber arbeiten, ihn selbst einzuhalten und durchzusetzen.

 

Wenn wir Angst haben, dann wollen wir das, was uns Angst macht, vermeiden. Wenn sich etwas gut anfühlt, dann wollen wir mehr davon. Wenn nicht, dann weniger. Vor unangenehmen Situationen und Aufgaben drückt sich jeder gern. Die, die es trotzdem tun, machen es oft genauso ungern wie diejenigen, die es nicht tun. Aber sie haben entschieden, sich von ihren Zielen und Werten leiten zu lassen, nicht von ihren Gefühlen und Begierden.

 

 

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Allah, Der Allmächtige und Hocherhabene, sagt: Ich erfülle die guten Erwartungen, die Mein Diener an Mich hat; und Ich bin mit ihm, wenn er Meiner gedenkt: Wenn er in seinem Herzen Meiner gedenkt, dann gedenke auch Ich seiner bei Mir Selbst. Und wenn er Meiner in einer Versammlung gedenkt, so gedenke auch Ich seiner in einer Versammlung, die besser ist als jene. Und wenn er Mir um eine Handspanne entgegenkommt, dann komme ich ihm eine Armlänge entgegen. Und wenn er Mir um eine Armlänge entgegenkommt, dann komme Ich ihm um zwei Armlängen entgegen. Und wenn er auf Mich schreitend zukommt, dann komme Ich eilend zu ihm.“ (Muslim)