Gedanken im Kopf hin- und herschieben

Ein Bild, dass ich sehr gerne nutze, ist das von „Gedanken im Kopf hin-und herschieben“.

 

Es ist wichtig und nützlich, sich gedanklich mit wichtigen Fragen oder Themen intensiv zu befassen, aber solange Gedanken nur im Kopf bleiben, nützen sie uns gar nichts.

 

Dieses Nachdenken kann uns sogar davon abhalten, etwas zu tun. Zum einen, weil es die Illusion vermittelt, irgendwie „tätig“ zu sein (man denkt ja schließlich darüber nach, das ist ja eine Aktivität). Zum anderen, weil es Gefühle hervorrufen kann, die die Untätigkeit noch verstärken, zum Beispiel Angst, Traurigkeit oder Scham.

 

 

 

Wir als Muslime wissen, dass Taten notwendig sind, um eine innere Überzeugung zum Leben zu bringen. Außer der Niyya (Absicht) fällt mir beispielsweise auch kein anderer Gottesdienst ein, der allein im Inneren stattfindet (bitte gerne kommentieren, wenn euch noch andere einfallen). Die Lippen zu bewegen ist das Mindeste, was empfohlen wird (z.B. bei Dhikr, Qur’anlesen, oder bei Bittgebeten), meist ist sogar noch mehr körperliche Beteiligung verpflichtend (z.B. die Bewegungen beim Gebet, die körperliche Enthaltsamkeit beim Fasten, die Hajj mit ihren kilometerlangen Märschen). Darin steckt eine große Weisheit.

 

 

 

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es eine Strategie von Schaitan ist, uns in diese abgeschottete Gedankenwelt zu „entführen“ – denn er weiß genau, dass dies ein sicheres Mittel ist, uns von Taten abzuhalten, ohne dass wir es merken. Denn nur Taten haben das Potential, uns eine Lösung zu bringen, oder unseres Status bei Allah zu erhöhen.

 

Wenn man beispielsweise einen Fehler gemacht hat, und darüber solange nachdenkt, bis die Scham und Trauer überhandnimmt, kann die Illusion entstehen, dieses „schlechte Gewissen“ durch intensives Nachdenken wäre etwas Sinnvolles. Reue im islamischen Sinne verlangt aber mehr als das Nachdenken über das Fehlgehen. Nach dem Blick zurück (was war falsch) muss auch der Blick nach vorne kommen (was kann ich besser machen). Nach der inneren Anerkennung des Fehlers muss eine aufrichtige Bitte um Vergebung folgen, gefolgt von der Absicht, den Fehler nicht zu wiederholen. Dazu muss man sich auch die Frage stellen, was man *konkret* tun wird, um zu verhindern, dass es nicht noch einmal vorkommt. 

 

Manchmal ist auch erforderlich, dass man sich auch bei anderen Menschen entschuldigt, oder einen Schaden wieder gut macht. Auch andere gute Taten können helfen, die Vergebung Allahs zu erreichen.

 

All das ist nicht möglich, wenn man sich zu intensiv seinen Gedanken und Gefühlen hingibt. Scham, Angst oder Trauer können regelrecht lähmen. So sehr, dass man nicht einmal in der Lage ist, sich Allah zuzuwenden.

 

 

 

Wenn man also Gedanken, Ideen, Ziele, Gefühle „aus dem Kopf heraus“ bekommen möchte, sollte man sich Wege suchen, sie herauszulassen.

 

Daher halte ich Kreativität auch für sehr nützlich, denn im Prozess des Schreibens, Malens, Backens, Handwerkens, Gestaltens … werden Ideen und Gefühle aus dem Kopf in etwas Sichtbares umgewandelt.

 

 

 

Gespräche sind zum Beispiel deshalb oft sehr hilfreich, weil Gedanken und Gefühle ausgesprochen oder angesprochen werden. Dadurch entfalten sie eine völlig neue Wirkung auf uns – selbst, wenn sie uns als Idee nicht fremd waren. Wir können sie nun auch mit dem Verstand und der Vernunft betrachten und bewerten. Das gilt nicht nur für Gespräche mit anderen, sondern vor allem auch für Gespräche mit Allah. Ich rate gerne dazu, Allah all seine Gedanken und Gefühle in Form eines Duas vorzutragen, denn obwohl Er sie natürlich schon kennt, hat das Aussprechen eine wichtige Wirkung auf uns selbst. Zudem machen wir uns bewusst, dass wir unsere Lage nicht alleine bewältigen können und sollen. Und vor allem sind Bittgebete ein wichtiger, und leider oft vernachlässigter, Gottesdienst.

 

 

 

Ähnlich ist es mit dem Schreiben. So sehen wir unsere Gedanken und Gefühle als Wörter vor uns, können sie noch einmal lesen, Korrekturen vornehmen, neue Gedanken ausprobieren. Wenn man eine Idee noch stärker auf sich wirken lassen möchte, kann es auch Sinn machen, das Geschriebene laut vorzulesen, oder sich sogar vorlesen zu lassen.

 

 

 

Wie oft geht es uns aber so, dass wir einen Ratschlag lesen oder hören, und denken: „Das ist eine tolle Idee, das sollte ich machen!“? Dann denken wir darüber nach, was für ein toller Rat das ist, teilen es vielleicht mit anderen – und das war’s. Das Problem ist auch hier, dass es manchmal genau dieses intensive Nachdenken ist, das uns von Aktionen abhält, denn es gibt uns die Illusion, etwas zu *tun*.

 

 

 

Oft höre ich auch, wenn ich Vorschläge zu Veränderungen mache, Dinge wie: „Oh, das ist eine gute Idee!“ Oder: „Das probiere ich mal aus.“ Und wenn man dann einige Zeit später nachfragt, wie es funktioniert hat, ist die Antwort: „Ehrlichgesagt habe ich es nicht gemacht … ich hatte noch keine Zeit… Aber ich habe viel darüber nachgedacht, wie…“ Oder ähnliches.

 

 

 

Nachdenken ist gut und wichtig. Aber dann muss etwas kommen.

 

 

 

Worauf wartest du also noch? ;-)