ICH und WIR

 

Eine einfache Gleichung besagt, dass 1+1=2 ist. In der Realität vieler Paarbeziehungen geht diese Gleichung jedoch nicht auf. Das Zusammenkommen zweier Individuen gipfelt nicht in der Entstehung einer dritten Einheit – dem WIR, sondern löst sich als Gleichung gewissermaßen nicht auf.

 

 

1+1 bleibt 1+1.


 

Ein trauriger Trend dabei ist, dass nicht nur junge Paare es nicht schaffen, dieses WIR zu etablieren, sondern immer mehr Paare, die es zu einem Zeitpunkt ihrer Beziehung geschafft haben, dies irgendwann wieder in Frage stellen. Was lange Zeit als eine positive Errungenschaft gesehen wurde, wird plötzlich „das Problem“: ICH gehe verloren in dieser Beziehung. Du, oder die Beziehung zu dir, bist die Bremse meiner persönlichen Entfaltung. Da dies ein kontroverser Text ist, der bewusst auch zum Nachdenken provozieren soll, bringe ich es gleich auf den Punkt: Diese Sätze werden vor allem von Frauen gedacht oder gesagt. Wir könnten behaupten, das sei deswegen, weil Männer den Frauen das Leben so schwer machen. Das mag in einzelnen Fällen der Fall sein, aber es kann nicht das Massenphänomen erklären, das wir heute beobachten.

 

 

 

Aber gehen wir zunächst einen Schritt zurück, ganz zum Anfang der Beziehung. Wenn wir einen potentiellen Partner aussuchen, dann meistens in der Hoffnung, bei ihm und durch ihn eine möglichst starke Erfüllung unserer Bedürfnisse zu erreichen: Ich hätte gerne einen attraktiven Partner, du bist attraktiv. Ich will versorgt werden, du verdienst gut. Ich will eine große Familie, du auch. Ich will einen religiösen Partner, du bist religiös. Das sind natürlich Stereotypen, aber zum einen sind Stereotypen nicht grundsätzlich falsch, und zum anderen dienen sie hier vor allem der Veranschaulichung einer Idee: Ich suche etwas, du kannst es mir geben (anscheinend). In der heutigen Zeit wird nur noch sehr selten über diese „Eigenvorteile“ hinaus ein Partner gewählt. Das ist ein relativ neues Konzept, wenn man bedenkt, dass das, was gemeinhin, und oft abwertend, als „Vernunftehe“ bezeichnet wird (als sei Vernunft per se etwas Schlechtes), lange Zeit der Standard war. Man wählte den Partner in erster Linie nicht nützlich für sich selbst, sondern nützlich über den Rand der Paarbeziehung hinaus, vor allem in Bezug auf die Familie, die man gemeinsam gründen möchte. Der Nutzen des WIR war also schon in der Planung einer Ehe ausschlaggebendes Kriterium.

 

Das Konzept der „Bedürfnisehe“ funktioniert am Anfang oft recht gut, weil man, vor allem wenn die eigenen Bedürfnisse erfüllt werden, bemüht ist, sich von seiner besten Seite zu zeigen, und auch die Bedürfnisse des anderen zu erfüllen. Es ist ein Tauschhandel, wenn man so will: Du gibst mir viel, daher gebe ich dir, mit Freude sogar, viel zurück. Du machst mich glücklich, ich will dich auch glücklich machen. Was man in dieser Phase liebt ist, was der andere für einen tut oder ist. Was man jedoch nicht ist, ist ein WIR. Das merkt man noch nicht, weil die beiden ICHs nebeneinander so gut funktionieren, dass man denkt, sie wären ein WIR. Bisher sind es jedoch nur zwei ICHs, die gut miteinander auskommen, weil sie sich die jeweiligen Bedürfnisse befriedigen.

 

 

 

Die meisten wissen schon, was bald kommt: Der Schockmoment, in dem wir merken, dass es nicht so ist, wie erwartet. Der andere hat Fehler. Schlimme sogar. Und was noch schlimmer ist, er kann (oder will?!) meine Bedürfnisse doch nicht so erfüllen, wie erhofft. Also erfülle ich seine auch nicht mehr. Der Tauschhandel kommt zum Erliegen. Eine Weile hofft man, dass der andere Einsicht erlangt und sich zu meinen Gunsten ändern wird. Es passiert aber nicht. Man beginnt zu rechnen, immer wieder, merkt, dass man ständig mehr investiert, als man Erlöse erzielt. Ein schlechter Tauschhandel ist das für mich! Das ist nicht das, was ich wollte.

 

 

 

Das, was die allermeisten Menschen in dieser Phase als Problem empfinden ist fast immer und ausschließlich die Nichterfüllung der eigenen Bedürfnisse durch den anderen. Man bekommt nicht das, was man denkt, dass man „verdient“ oder worauf man „ein Recht“ hätte. Problemlösungen drehen sich daher auch um die Frage: Wie ändere ich den anderen?  Wie bringe ich ihn dazu, dass...? oder: Wer könnte mir helfen, ihn zu überzeugen, dass er das Problem ist, und wieder mehr investieren muss, so dass sich der Tauschhandel auch für mich wieder lohnt, so dass ich auch wieder mehr investieren möchte.

 

 

 

Diese Einschätzung der Situation ist egozentrisch. Das ist keine Wertung, sondern eine Feststellung. Wir alle sind egozentrisch, und das ist nicht immer problematisch. Problematisch ist, wenn wir nur oder vor allem egozentrisch sind – und das sind wir sehr oft, ohne es zu merken. Wir sind von unserer Veranlagung her egozentrisch, und „persönliche Weiterentwicklung“, besonders im religiösen Bereich, sollte dazu führen, weniger egozentrisch zu sein. Nicht, die Egozentrik besser zu füttern. Leider wählen wir oft den 2. Weg.

 

 

 

Beziehungen werden immer schwerer, weil der Individualismus immer stärker wird. Es ist schwer, ein WIR aufzubauen, mit zwei dominanten ICHs. Leider wird auch die Botschaft vermittelt, dass das richtig und „wichtig“ ist, diesen Weg zu gehen: „Was mir guttut“, „Auf mich hören“, „Zuerst an mich denken.“

 

 

 

Früher waren es vor allem Männer, die sich so verhalten haben, die Egozentrik der Frau wurde oft unterdrückt, als wäre es falsch, dass sie überhaupt Bedürfnisse hat. Sie hatte sich quasi völlig unterzuordnen im Erfüllen der Bedürfnisse des Mannes. Mittlerweile haben Frauen aufgeholt, aber sich leider das falsche Vorbild oder Ziel genommen, nämlich ihre eigene Egozentrik ebenfalls voll zu entfalten – so, wie Männer das auch tun und getan haben. Im Englischen gibt es für diese Anspruchshaltung den wunderbar passenden Ausdruck „entitelment“: Die eigenen Bedürfnisse sind keine Wünsche, die man hat, sondern sie werden zum Recht, auf das andere Rücksicht zu nehmen, oder uns zu erfüllen haben.

 

 

 

Wie so oft schießt man im Bestreben, ein Missverhältnis zu ändern, über das Ziel hinaus, und endet im anderen Extrem. Mantras wie: Ich muss zuerst auf mich selbst achten, Ich muss mich selbst verwirklichen, Ich habe das Recht auf… schallen heute besonders für Frauen aus allen Ecken. Das Problem dabei ist, wir machen das alles längst schon, Frauen wie Männer. Machen wir noch mehr davon, und es wird zur Katastrophe. Manchmal scheint es fast so, als sei allein die Tatsache, dass jemand eine Frau ist, genug, um die sichere Diagnose stellen zu können, dass sie wahrscheinlich zu wenig auf sich achtet, und das unbedingt ändern muss. Vermutlich ist es aber nicht so. Sind wir nicht enorm unterdrückt, legen wir ALLE eher zu viel Wert auf uns und unsere Bedürfnisse. Leider muss man auch sagen, dass die Definition von "Unterdrückung" sich ständig ausdehnt, und immer mehr Frauen sich in einer eigentlich gesunden – wenn auch nicht unproblematischen – Ehe öfter „unterdrückt“ fühlen, aufgrund der Tatsache, dass sie ab und an ihre Bedürfnisse unterdrücken müssen.

 

 

 

Die richtige Lösung dafür kann nicht grundsätzlich die Suche nach der „besseren“ Erfüllung unserer Bedürfnisse sein. Vielmehr sollten wir lernen, unsere Bedürfnisse besser zurückzuhalten und unterzuordnen. Denn wer sein ICH nach vorne bringen will, macht es fast immer auf Kosten des WIR.

 

Teilweise wird in dieser Diskussion zwischen gesunden und ungesunden Egoismus oder Egozentrik unterschieden. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit die Einteilung, vor allem islamisch gesehen, korrekt ist. Egoistisch sind wir von Natur aus alle. Ein klarer Hinweis für mich ist z.B. dieses Hadith, in dem der Prophet die Liebe zu sich selbst quasi als gegeben voraussetzt, und ihre Erweiterung auf Geschwister als Zeichen des Glaubens definiert:

 

 

 

„Keiner von euch ist gläubig, bis er für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht.” (Buchari und Muslim)

 

 

 

Wenn wir uns die islamischen Gebote und Empfehlungen betrachten sieht man, dass sie, zumindest in der überwiegenden Mehrheit, dazu ausgelegt sind, diese egoistischen Tendenzen zu unterbinden oder im Sinne der Gemeinschaft unterzuordnen, nicht zu stärken oder stärker „auszuleben“!

 

Für beide Geschlechter wohlbemerkt. Zum Beispiel wenn der Prophet (s) die „Besten unter den Menschen“ als diejenigen bezeichnet, die am besten zu ihren Familien sind, oder den Mitmenschen am nützlichsten. Das definierte Ziel der Charakterbildung ist immer wieder ein besserer Gemeinschaftssinn, nicht mehr Egoismus. Ungesund ist lediglich eine falsche Absicht, die nicht darauf ausgerichtet ist, einem höheren Zweck zu dienen, sondern beispielsweise bei anderen Menschen einen guten Eindruck zu hinterlassen, oder von ihnen wiederum etwas zurück zu bekommen für das, was man gibt (Tauschhandel). Mit dieser Absicht dient man jedoch wieder nicht der Gemeinschaft, sondern dem eigenen Ego.

 

 

 

Interessant dabei ist, dass Menschen, denen es gelingt, sich selbst, mit der richtigen Absicht zugunsten der Gemeinschaft zurückzunehmen, tendenziell eine höhere Lebenszufriedenheit aufweisen als die, die besonders „gut auf sich selbst“ achten. Man kommt also nicht zu kurz dabei, im Gegenteil. Denn das Ego ist wie eine nimmersatte Raupe, deren Hunger größer wird, je mehr man sie füttert.

 

 

 

In der Psychologie wird Phänomen als Selbst-Transzendenz bezeichnet, definiert als „(…) der grundlegende anthropologische Tatbestand, dass Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist – auf etwas oder auf jemanden: auf einen Sinn, den da ein Mensch erfüllt, oder auf mitmenschliches Sein, dem er da begegnet. Und nur in dem Maße, in dem der Mensch solcherart sich selbst transzendiert, verwirklicht er auch sich selbst: im Dienst an einer Sache – oder in der Liebe zu einer anderen Person ... ganz er selbst wird er, wo er sich selbst – übersieht und vergisst.“ (V.Frankl)

 

 

 

In einer Partnerschaft entwickeln zwei Individuen mit einem WIR einen höheren Sinn, über die beiden ICHs hinaus. Für Muslime sollte der höchste Sinn die Zufriedenheit Allahs sein, das mit und durch die Ehe gemeinsam angestrebt wird. Man ist also nie nur zu zweit, sondern Allah ist ein fester Bestandteil der Ehe. Dieser höhere Sinn wird aber auch durch andere Menschen und Faktoren erweitert, zum Beispiel Kinder, für die WIR gemeinsam Eltern sind. WIR sind zusammen das Management einer Familie mit allem, was dazu gehört an Aufgaben und Finanzen. Die erweiterte Familie, die WIR gemeinsam unterstützen. Projekte, die WIR gemeinsam verwirklichen, usw. Es geht idealerweise um viel mehr, als individuelle Bedürfnisbefriedigung, sondern um ein gemeinsames Projekt – ein Vermächtnis, wenn man so will – das über dieses Leben hinweg Früchte trägt.

 

Das WIR ist eine dritte Einheit neben den beiden ICHs. Es existiert und funktioniert nur gemeinsam. Ich würde deshalb sagen, dass eine Ehe umso stärker ist, je stärker dieses WIR ausgeprägt ist. Nicht, je besser die Bedürfnisse der jeweiligen Personen erfüllt werden! Dieser Punkt ist so wichtig zu verstehen, besonders für unsere jüngeren Geschwister, die nicht mit diesen Ideen aufgewachsen sind.

 

 

 

WIR ist alles, was man als Paar gemeinsam aufbaut.  

 

 

 

Diese Erkenntnis ist wichtig, weil man dann auch versteht, wo die Prioritäten liegen sollten. Wenn man seine Ehe nun unter dieser Erkenntnis neu bewertet, dann fragt man sich nicht mehr primär Was fehlt MIR? Sondern: Was fehlt UNS? Und als Konsequenz: Welche Einzahlungen könnte ich auf dieses WIR Konto machen? Das ist eine völlig neue Art, aufzurechnen.

 

 

 

Wer nun sagt: „Aber warum sollte ich noch mehr einzahlen, ich mache sowieso schon viel mehr, der andere nicht…“, der ist nicht im WIR, sondern denkt im ICH. Sein bisheriger Tauschhandel hat jedoch offenbar nicht gut funktioniert, sonst wäre er nicht frustriert. Vielleicht ist es also an der Zeit, etwas Neues zu versuchen. Wer solle den Anfang machen? Immer der, der den größeren Lohn erzielen möchte.

 

 

 

„Wo bin ich in diesem Konzept?“, fragt sich ein anderer. Nun, die Antwort ist, dass du ein Teil des WIR bist, und je besser das WIR funktioniert, desto zufriedener wirst du selbst auch sein. *Wir Menschen florieren in Beziehungen*. Je besser diese sind, desto zufriedener sind wir. Zudem arbeitet man so, mit der richtigen Absicht, ebenso an der Beziehung zu Allah, und damit auch für sein Jenseits. Diese Frage verdeutlich übrigens vor allem, mit welcher Priorisierung jemand denkt. Nämlich egozentrisch. Das ist, und diese Wiederholung ist bewusst gewählt, eine Feststellung, keine Wertung. Wir sollten eine bewusste Entscheidung treffen, als was wir uns selbst vorherrschend sehen möchten: Als Individuum, das primär nach der Optimierung der eigenen Bedürfnisse strebt, oder als Teil einer Gemeinschaft, das den bestmöglichen Ausgang für das Gemeinwohl voranstellt.

 

Manchmal passt beides zusammen. In den meisten Fällen muss man sich für eine Option entscheiden.

 

 

 

Und ja, auch dieser Einwand stimmt, früher gingen es vor allem auf Kosten der Frauen, die die Egozentrik der Männer „ausbaden“ mussten. Heute geht es auf Kosten der Kinder, die die Leidtragende der Egozentrik ihrer Eltern sind. Diese sind von der ständigen Angst getrieben, zu kurz zu kommen, etwas zu verpassen, oder das Leben noch irgendwie optimieren zu können. Und es geht auf Kosten von langjährigen Ehen. Die oft angeführte Diskussion, wer von den beiden „schlimmer“ sei in seiner Egozentrik, oder welches Geschlecht man mehr ermahnen sollte, ist meiner Meinung nach ein deutliches Symptom für das Grundproblem. Ich sage das, weil ich jetzt schon weiß, dass sich einige Schwestern auf die Füße getreten fühlen und versucht sind, Whataboutismen einzuwerfen. Sich getriggert zu fühlen, wenn man selbst ermahnt wird, sollte gerade ein Grund sein, einen Gedanken zumindest zuzulassen, um ihn ergründen zu können.

 

 

 

Es geht um die Frage, inwieweit wir fähig sind, unsere eigene Egozentrik zu erkennen, und inwieweit bereit, sie zu überwinden. Nicht, wie gut wir Fehler der „anderen“ diagnostizieren.

 

Eine gut funktionierende Ehe ist das Beste, was man seinen Kindern mit auf den Weg geben kann. Als verantwortungsvolle Eltern sollte das das wichtigste Ziel sein, auf das man hinarbeitet. Ja, dafür muss man viel zurückstecken. Willkommen im Leben der Erwachsenen. Und nein, es ist Unsinn zu behaupten, dass Kinder ein positives Bild vorgelebt bekommen von Eltern, deren wichtigstes Ziel „Selbsterfüllung“ ist. (Oder seien wir ehrlich: Das wird eigentlich nur über Mütter gesagt.) Diese Einstellung erfordert Reife, vor allem die Fähigkeit, sich selbst viel zurückzunehmen, zum Wohle der Gemeinschaft. Das Problem ist, dass wir das heute kaum mehr können. Nicht die anderen, sondern wir alle. Solange wir vor allem sehen, wo wir selber zu kurz kommen und nicht, wo wir Potential hätten, mehr zu investieren, sind wir nicht da, wo wir hinkommen könnten.

 

 

 

 

 

Lasst uns also darüber nachdenken, was wir selbst besser machen könnten.

 

 

 

 

 

*Disclaimer: Dieser Text berücksichtigt ausschließlich die Dynamik von gesunden Beziehungen, frei von Gewalt, Missbrauch oder Betrug. Bei Vorhandensein dieser Faktoren treffen andere Prinzipien zu, die hier nicht aufgeführt werden.